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Holocaustleugnung legalisieren

12 Nov

Freie Rede für alle, auch für Dreckschweine

Interessanterweise sind gerade diejenigen, die sich aktiv gegen Holocaustleugnung engagieren, meist gegen ein Verbot der Holocaustleugnung. Das gilt für Michael Shermer, Chef der Skeptics Society, und das gilt für den Blogger “Orac”, der sich unter anderem kritisch mit den Mythen um den Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, darunter eben jener, dass der Holocaust, also die Ermordung von sechs Millionen Juden, nicht stattgefunden habe oder nur in sehr viel kleinerem Format stattgefunden habe. Ich bin ebenfalls der Meinung, wie auch Henryk Broder, dass man Holocaustleugnung legalisieren sollte.

Zunächst einmal hat der Holocaust natürlich stattgefunden. Ich war schon als Besucher in zwei Konzentrationslagern und bezweifle, dass sie zu etwas anderem gebraucht wurden als zum Missbrauch von Juden als Zwangsarbeiter und zu ihrer Ermordung. Ich bin ebenfalls überzeugt, dass der Völkermord an den Armeniern stattgefunden hat, während es in der Türkei verboten ist, diese Tatsache zu benennen. Die deutsche Regierung vertritt die Position, dass der Mord an den Juden viel schlimmer war als alle anderen Völkermorde, etwa an den Indianern oder an den Tasmaniern oder an den Armeniern. Er zeichne sich durch eine besondere Qualität aus, welche das Verbot der Leugnung dieses, aber nicht jedes anderen, Völkermordes rechtfertigt. Ich denke, dass unsere Regierung nicht das Recht hat, Völkermorde als besonders schlimm oder nicht ganz so schlimm zu beurteilen. Ich sehe nicht ein, warum ein Völkermord ethisch verwerflicher sein sollte als ein anderer. Wie misst man denn so etwas? Und warum?

Entweder, man verbietet die Leugnung sämtlicher wissenschaftlich-historischer Fakten, oder man verbietet gar keine. Und da sich vermeintliche wissenschaftliche Fakten, wie die Existenz des Äthers, als falsch erweisen können, sollte man besser gar keine Leugnung verbieten (auch wenn ich bezweifle, dass sich der Holocaust jemals als falsch erweisen wird). Es ist kein Problem, die historische Tatsache des Holocausts empirisch hinreichend zu belegen und sie als solche zu verteidigen. Es sei denn natürlich, unsere Regierung verfällt weiterhin in einen Wahrheitsrelativismus, der alle Positionen für gleichermaßen berechtigt erklärt. Das hätte zur Folge, dass die Geschichte des Nazi-Regimes im Schulunterricht sowohl aus der Sicht von Historikern, als auch aus der Sicht von Nazis dargestellt werden müsste.

So gut wie alle Holocaustleugner sind Antisemiten und/oder Nazis. Es handelt sich um eine Verschwörungstheorie, die dazu dient, die Verbrechen des Nazi-Regimes auszublenden und Hitler zu glorifizieren. Inhaltlich war mir trotzdem nie ganz klar, warum Nazis den Holocaust leugnen, schließlich gebietet ihnen ihr eigenes Weltbild die Vernichtung der Juden. Aus Nazi-Perspektive ist der Holocaust etwas Positives, also warum sollten sie ihn leugnen? Strategische Gründe reichen da nicht aus, um dieses Paradoxie zu erklären. Aber wie das so ist mit Verschwörungstheorien: Sonderlich rational sind die ja nie.

Der katholische Fundamentalist Bischof Williamson kommt nun vor Gericht, weil er in einem Interview den Holocaust leugnete und sich weigerte, eine Strafe von 12000 Euro zu bezahlen. Ich finde Williamson nicht gerade sympathisch, aber wegen einer bloßen, wenn auch falschen und rechtsradikal motivierten, Meinungsäußerung sollte man nicht vor Gericht kommen müssen. Hätte er selbst Juden vergast, wäre das etwas ganz anderes. Hat er aber nicht.

Orac drückt es so aus:

Was Strafverfolger in Deutschland nicht realisieren ist, dass Gesetze gegen Holocaustleugnung nicht nur ein Vergehen an der Meinungsfreiheit sind, sondern dass sie nicht funktionieren. Sie unterdrücken gar nichts. Wie ich schon vor vier Jahren anmerkte, hat David Irving [Anm: Ein einflussreicher Holocaustleugner, der in Österreich wegen Holocaustleugnung verurteilt wurde] mehr Publicity in Österreich bekommen als in den vorhergehenden sechs Jahren. Zuvor verschwand er in die wohlverdiente Vergessenheit – genau da, wo er hingehörte. Während des Prozesses wurde aus ihm ein Märtyrer für die extreme Rechte, alles eingehüllt in den Mantel der “Freien Rede”. Sie zu unterdrücken bestätigt die Behauptungen der Holocaustleugner, laut denen sich die Regierung vor ihrer Botschaft “fürchte”.

Freie Rede bedeutet nicht nur freie Rede für Meinungen innerhalb des Mainstreams. Das ist keine Freiheit. Vielmehr bedeutet dies den Schutz für jene, die Ansichten verfechten, die sehr unpopulär sind, sogar widerliche Meinungen, die berechtigterweise unpopulär sein, weil sie widerlich sind.

Ansichten wie jene der Holocaustleugner.

 
10 Comments

Geschrieben von - 12. November 2009 in Geschichte, Philosophie, Politik, Wissenschaft

 

10 Antworten zu Holocaustleugnung legalisieren

  1. Heinrich v. Bourbon

    12. November 2009 at 17:09

    Ganz meine Rede!

    Endlich traut sich es mal jemand auszusprechen.
    Wenn Holocaustleugnung verboten ist, dann müsste auch die Aussage unter Strafe gestellt werden, dass das NS-Regime ein atheistischen Regime gewesen sei. Beides ist Geschichtsverfälschung, die eine glorifiziert einen Massenmörder, die andere verleumndet letztlich eine weltanschauliche Gruppe (die Atheisten).

    Also Holocaustleugnung legalisieren, denn

    “Wer Zensur erlaubt, will Denken verbieten”
    (Michael Schmidt-Salomon)

     
  2. Patrick Pricken

    12. November 2009 at 17:23

    Absolut korrekt! Auch wenn ich da mit Herrn Broder in einem Boot sitzen sollte (den kann man, wenn die Nahrung ausgeht, ja dann als erstes essen).

    Jetzt können sich die Nazis damit schmücken, die Wahrheit werde unterdrückt, weil sie so überzeugend sei, wenn man sie aussprechen könne – anstatt sie für den Unsinn zu deklarieren, der sie ist. Bah.

     
  3. Rolf Heinrich

    12. November 2009 at 19:18

    Ist auch meine Meinung. Schade, dass man solche Kommentare suchen muss, wie die Nadel im Heuhaufen!

     
  4. Stefan

    12. November 2009 at 20:54

    “Ich denke, dass unsere Regierung nicht das Recht hat, Völkermorde als besonders schlimm oder nicht ganz so schlimm zu beurteilen. Ich sehe nicht ein, warum ein Völkermord ethisch verwerflicher sein sollte als ein anderer. Wie misst man denn so etwas? Und warum?”
    Volle Zustimmung!

     
  5. derautor

    13. November 2009 at 12:22

    Der bekannte Holocaustleugner Jürgen Graf hat sich gerade bei mir gemeldet. Einerseits findet er es gut, dass ich für die Legalisierung der Holocaustleugnung eintrete, andererseits gefällt es ihm nicht, dass ich selbst den Holocaust ja gar nicht bezweifle und mich so abfällig über “Revisionisten” äußere. Nun, Pech gehabt.

    Allerdings ist Jürgen Graf ein interessanter Fall. Vielleicht wäre er gar nicht rechtsradikal geworden, wäre die Holocaustleugnung nicht illegal und hätte es keine so aufgebauschte Kampagne gegen ihn gegeben. In den Zeitungen hieß es zum Beispiel: “Jetzt wird Graf weltweit gejagt”. Und Graf hat sich entsprechend in die Rolle des Opfers und des heldenhaften Widerstandskämpfers begeben und sich immer weiter in die Sache reingesteigert. In der “Weltwoche” gibt es einen guten Artikel über ihn, der weitere Argumente für die Legalisierung der Holocaustleugnung enthält:
    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2005-29/artikel-2005-29-heil-in-moskau.html

    Zum Beispiel dürfen die Leugner vor Gericht nicht ordentlich verteidigt werden, weil sich die Anwälte strafbar machen würden, sollten sie ihre Thesen vertreten. Auch dürfen die Aufzeichnungen über diese Prozesse nicht öffentlich gemacht werden, weil sie die Thesen enthalten. Verrückter geht es gar nicht.

    Auch Jürgen Graf wurde für die Rechte zu einem Kämpfer für die “Meinungsfreiheit”, weil er wegen Holocaustleugnung verurteilt wurde. Natürlich waren Rechtsradikale die einzigen, die ihn auf Konferenzen hören wollten und so hat er sich bei ihnen eingenistet.

    Als ob es nichts Wichtigeres gäbe als irgendwelche Verschwörungstheoretiker, deren Bücher normalerweise niemand lesen würde. Aber dass Mossad für die Anschläge vom 11.9. verantwortlich war, diese ebenso durchgeknallte Nazi-These darf überall verbreitet werden und findet sogar unter Linken Gehör. Und die Leugnung des Völkermords an den Armeniern ist in der Türkei sogar Gesetz.

    Es ist aus strategischer Sicht erheblich sinnvoller, Holocaustleugner einfach zu ignorieren, es sei denn, ihre Thesen finden Verbreitung. In diesem Fall sollten sie Historiker öffentlich widerlegen, was kein Problem ist. Die freie Gesellschaft ist gerüstet für solche Fälle, wir brauchen keinen Staat, der ausgerechnet in die autoritäre Rolle schlüpft, in der Rechtsradikale ihn gerne hätten.

    Ich will Graf hier gewiss nicht verteidigen, seine Aussagen über “defensiven Rassismus” und das tragische Aussterben der weißen Rasse im Jahre 2050 etc. stehen im krassen Gegensatz zu meiner politischen Haltung. Ich plädiere eben deshalb für eine effektivere Strategie, um solche Positionen gar nicht erst aufkommen zu lassen und um zu verhindern, dass sie Verbreitung finden.

     
  6. derautor

    13. November 2009 at 17:56

    Jetzt schicken mir die Holocaustleugner schon aus dem englischsprachigen Ausland ihren Dank für meine “Unterstützung”. Ich unterstütze euch nicht! Der Grund, warum ich für eine Legalisierung der Holocaustleugnung bin, ist jener, dass ich mir davon weniger Holocaustleugner verspreche!

    Ich glaube absolut nicht, dass der zweite Weltkrieg von der Seite gewonnen wurde, die “die größten Grausamkeiten” begangen hat, ganz im Gegenteil finde ich, dass es kaum je einen gerechteren Krieg gegeben hat als der gegen Nazi-Deutschland und ich halte sogar die Luftangriffe auf deutsche Städte gegen Ende des Krieges für gerechtfertigt.

    Aber gut, diese Reaktionen waren zu erwarten. Eigentlich müssten Holocaustleugner die deutsche Gesetzgebung diesbezüglich unterstützen, ansonsten entfällt für sie eine wichtige Quelle von Aufmerksamkeit für ihre wirren Thesen. Aber selbst diese merkwürdige Nazi-Sympathie, die ausgerechnet mir hier entgegenweht, wird mich kaum vom Gegenteil überzeugen. Ich bleibe dabei, dass auch und insbesondere die Meinungsfreiheit von solchen Gestalten geschützt werden muss.

     
  7. Nachdenkseiten-Leser

    14. November 2009 at 20:45

    @Andreas Müller

    Ich habe deinen Text zunächst mißverstanden, aber nun erkenne ich deine Motivation, und denke du hast recht.

    Die Meinung der Holocaustleugner widerlegt sich ja meist von selbst, und die USA haben ja da auch ihre Probleme damit, aber eben eine Version von schrankenloser Meinungsfreiheit (Gilt die in Zeiten des Patriot-Act eigentlich noch?), die auch diese Leugnung nicht unter Strafe stellt.

    Wohl aus demselben Grund:

    Eine absolute Meinungseinschränkung produziert Zensur-Märtyrer, d.h. das Verbot der Meinung von Holocaust-Leugnern macht die zu Märtyrern der rechtsextremen bzw. konservativen Szene, und verleiht deren Lügen unfreiwillig höchstrichterliche Weihen.

    Das du den falschen Beifall erhälst wundert mich nicht, dass geht jedem so, der sich mit der Zeit des Nationalsozialismus intensiv befasst, und der nicht die hochamtlichen Weihen eines Giudo Knopp, einer Frau Birthler oder sonst eines neoliberal bzw. -faschistischen Historikers der Merkel-Ära hat:

    Allein die Beschäftigung mit der Thematik als Laie rechtfertigt deine Ausrenzung als “Nazi” bzw. Rechtsextremist.

    Mach dir nichts draus, du bist nicht allein. Ich kenne die Probleme.

    Übrigens, wer mit Nazi-Begriffen, wie oben erwähnt, um sich wirft, der ist meist selber einer…..insofern kann ich nur über Menschen lachen, die uns, nur weil wir uns – in Befürchtung eines Vierten Reiches – mit der Thematik auseinandersetzen in die rechtsextreme Ecke stellen wollen.

    Ich fand deinen Text erfrischend, weil er bestätigt was ich schon lange denke, der dt. Völkermord an den Juden, war in seiner Umsetzung zwar industriell grausamer als jeder andere, aber eben nicht der einzige, wenn auch, wie so eben erwähnt einmalig in seiner Grausamkeit (z.B. Erschiessung, Ermordung durch diverse industrielle Gastode, wovon die Gaskammer nur eine war neben dem Gaswagen und anderen…)

    Übrigens, ein besonders widerliches antikommunistisches Werk ist das neue Buch von Robert Gellately, dass Stalin zwar – völlig richtig – als einen ähnlichen Massenmördern bezeichnet wie Hitler, aber dann noch weiter geht und auch Stalin die Benutzung von Gaswagen und Gaskammern sowie der Erschiessung von Weißrusslands Zivilbevölkerung und der Ausrottung ganzer Dörfer bezeichnet.

    D.h. der Historiker Robert Gellately, der seine Quellen übrigens mit eigenen Worten als höchst zweifelhaft tituliert – im oben erwähnten Buch – will Hitler = Stalin setzen.

    Ich bin wahrlich kein Fan von Stalin, aber die durchsichtigen Versuche die Verbrechen der Nazis in Rußland auf Stalin allein zu übertragen sind widerlich, und grenzen schon fast an die oben von dir erwähnte Holocaustleugnung. Dennoch bin ich dafür, dass solche Bücher veröffentlicht werden, die zeigen, die derzeitige Geschichtsschreibung ist dabei die Verbrechen der Nazis zu relativieren.

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

     
  8. Nachdenkseiten-Leser

    14. November 2009 at 20:50

    Es gibt übrigens, wie ich vor einiger Zeit einmal las, die Tendenz – auch höchstpolitisch für die Restbevölkerung – die Geschichte alle 10 Jahre neu zu schreiben.

    Wir haben hier wohl leider derzeit die A***karte gezogen, da wir in einer Zeit leben, wo alle Nazi-Verbrechen verharmlost, oder noch schlimmer auf die Befürworter von sozialer Gleichheit (=Wohlfahrtsstaatsbefürworter, Hartz IV-Gegner etc.) übertragen werden.

    Frei nach dem Motto:

    Das Nazitum war eine nationale sozialistische Dikatur, ergo sind auch heutige Befürworter von wohlfahrtsstaatlichen Reformen – im Gegensatz zu neoliberalen “Reformern” die wahren Nazis.

    Willkommen im Club, der total verrückt gewordenen Welt des 21. Jahrhunderts. Vielleicht sieht die Sache ja bald wieder – nicht erst in 10 Jahren – anders aus. Ich hoffe es, denn die Hoffnung stirbt zuletzt, wie man so schön sagt….

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

     
  9. Nina

    22. November 2009 at 19:08

    Klasse Blog. Ich finde es gut, dass du so konsequent bist.

    Ich selbst ärgere mich auch immer wieder darüber, was für ein Aufstand rund um den Holocaust (insbesondere den Mord an den Juden) veranstaltet wird, während auf der anderen Seite die bis heute andauernden Massenmorde in anderen Ländern dieser Erde (China zum Beispiel) stillschweigend hingenommen oder gar ignoriert werden.
    Niemand interessiert sich für die Tausende von verschleppten und ermordeten Falun-Gong-Anhänger, egal wie sehr sich die Chinesen in Düsseldorfs Einkaufsstraße auch engagieren.

    Es ist schlimm genug, dass überhaupt ein Mensch wegen seiner ideologischen Weltansicht sterben muss(te). (Ich glaube fest daran, dass Millionen von Juden, Roma und Sinti und anderen politischen Gegnern verschleppt und ermordet worden sind unter Hitler. Egal, ob es nun 1, 10 oder 100 Millionen waren.)

    Aber warum sollte der Mord an Juden eine besondere Stellung in dieser endlosen Reihe an Massenmorden einnehmen? Warum sollte jemand, der glaubt, all das wäre nie geschehen, nicht sagen dürfen, dass er das glaubt, so wie ich sagen kann, dass ich es glaube?

    Das macht das Geschehene ja nicht ungeschehen.

     
  10. W. Brakensiek

    18. Januar 2010 at 17:50

    Vorschlag zur Güte: der Paragraph gegen Holocaustleugnung wird abgeschafft, wenn die letzten überlebenden Opfer des Holocausts verstorben sind. Großzügig gerechnet: 1.1.2040.

     
 
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