Wir sollen sterben, sagte der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa in einer TV-Diskussion. “Wir”, das sind diejenigen, die fordern, dass religiöse Symbole aus öffentlichen Gebäuden verschwinden. Aber Religionsfreiheit bedeute nicht Freisein von Religion, stellten die Bischofskonferenzen in Europa fest. Staatliche Neutralität bedeutet für öffentliche Einrichtungen allerdings genau das.
Die Hüter des christlichen Abendlandes führen eine interessante Doppelstrategie, um ihr Hinrichtungssymbol zu verteidigen. Sie behaupten nämlich abwechselnd, das Kreuz müsse als christliches Symbol bewahrt werden, oder es sei gar kein christliches Symbol, sondern stehe für “Freiheit, Gleichheit und Toleranz”, so etwa der Kassationshof, das oberste Gericht Italiens.
Aus historischer Sicht ist das bizarr. Die Festigung der Werte Freiheit, Gleichheit und Toleranz sind das Ergebnis eines gewaltsamen Umsturzes von Adel und Klerus, beginnend mit der Amerikanischen und Französischen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” war sogar die offizielle Parole der Französischen Revolution. Die katholische Kirche erkennt die Menschenrechte bis heute nicht an, sonst hätte der Vatikan die europäische Menschenrechtserklärung ratifiziert.
“Eine Tradition wie die des Kreuzes kann für niemanden eine Beleidigung darstellen”, bemerkte sogar Pierluigi Bersani von der linksdemokratischen Opposition in Italien. Politiker setzen eben nach wie vor auf die Macht der Religion bei der Beherrschung des Volkes. “Wir müssen mit all unserer Kraft versuchen, die Zeichen unseres Glaubens zu bewahren”, stellte Tarcisio Bertone, Kardinalstaatssekretär der römisch-katholischen Kirche und zweiter Mann im Vatikan fest. Also ist das Kreuz sehr wohl ein christliches Symbol.
“Niemandem, und schon gar nicht einem ideologischen europäischen Gericht, wird es gelingen, unsere Identität zu unterdrücken”, verkündigte das bayerische Kultusministerium in einer Stellungnahme. Das Kultusministerium ist also nicht neutral und hat eine christliche Identität. Es erkennt meine Identität als Atheist nicht an und toleriert sie auch nicht. Ebensowenig erkennt es die Identitäten von Juden, Muslimen und Anhängern anderer Religionen und Weltanschauungen an. Gut, dann zwingen wir es eben dazu.
Aufruf
Ich rufe die Schüler aller öffentlichen Bildungseinrichtungen sowie ihre Eltern dazu auf, die Entfernung des Kreuzes oder Kruzifixes aus ihren Klassenzimmern beantragen. Beim bfg München gibt es Tipps und einen vorgefertigten Antrag. Einfach ausfüllen und ab damit zum Direktor. Die staatliche Neutralität und gleiche Rechte für Religionsfreie und Angehörige von Minderheitenreligionen müssen stets neu erkämpft werden. Leisten Sie Ihren Beitrag für unsere freiheitliche Gesellschaft.









Stefan
6. November 2009 at 14:09
Satanskind das ich bin hätte ich die Kreuze in meinem Klassenzimmer schon längst umgedreht!!!
Aber tolle Sache, ich habe halt feinerweise das Glück eine NICHT bayrische Schule zu besuchen. Wer dieses Glück nicht hat findet hier Hilfe, gute Idee, wirklich!
feronia
6. November 2009 at 20:07
Ja, die Bayern waren der Zeit halt schon immer ein bisschen hinterher…
Br. Paulus Terwitte
7. November 2009 at 14:17
Die Fenster der Freiheit schließen sich. Ausgerechnet im Namen der Freiheit werden grundlegende Freiheitsrechte beschnitten. Diesmal mit dem Kreuz. Mit dem angeblichen Menschenrecht auf einen kruzifixfreien Unterrichtsraum wird die Freiheit des Staates angegriffen, sich ein Warnzeichen gegen jede Ideologie an die Wand zu heften.
Dabei gab vor einigen Wochen eine Berliner Oberstufenschülerin der taz zu Protokoll: Beten ist ein Menschenrecht. Ein Mitschüler hatte sich erstritten, in einem Extraraum während der Schulzeit beten zu dürfen. Und das in einem Bundesland, in dem der Religionsunterricht aus dem Fächerkanon der Schule verbannt wurde. Die ideologische Parole von der “Freiheit von Religion” stinkt da gewaltig an gegen die Freiheit, die von der Religion des Kreuzes ins Abendland gebracht wurde. Es ist die Freiheit, die sich aus dem Blick auf die ganz andere Welt Gottes eröffnet. Sie schaut mit den Augen Gottes durch das Fenster aus Gebet und Liebe auf alles, was in dieser Welt ist. Und stellt es infrage.
Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass muffig anmutendes Gehabe Einzelner im Namen der Freiheit der Identität eines ganzen Volkes an den Kragen gehen kann. Es erinnert mich an Oldenburg. Dort haben vor über 70 Jahren die Bauern in düsterer Vorahnung Mistgabeln ergriffen, um jene zu vertreiben, die die Kreuze aus den Klassenzimmern reißen wollten. Diese Verteidiger des Kreuzes verstanden sich als Verteidiger der Freiheit.
Kreuz und Freiheit? Wer vom Kreuz spricht, kommt nicht umhin, von seinem Missbrauch auf dem Weg ins Heute zu sprechen. Keine Diskussion vergeht denn auch, in der einem nicht die Kreuzzüge unter die Nase gerieben werden. Dagegen können Heerscharen von Christen, die im Kreuz den Grund für eine grundlose Liebe zu jedem Mitmenschen sehen, nichts ausrichten. Auch erscheint rückblickend der Siegeszug des Kaisers Konstantin im Zeichen des Kreuzes wenig mit dem Evangelium zu tun zu haben. Immerhin ist es das gleiche Zeichen, das in Albanien, Rumänien, Russland und an vielen anderen Orten Christen über Jahrzehnte unter dem Fußboden versteckten, um es durch die Bretter hindurch anzubeten. Es war eine Kraftquelle gegen besinnungslos wütende Atheisten, die ihrem Volk nur wenig mehr gaben als Mauern, Archipel und Ausrottung.
Das Kreuz wird zum Schlagstock
So gegeneinandergestellt zeigt sich: Wenn das Kreuz in Staatshand gerät, wird es schnell zum Schlagstock. Gut deshalb, dass sich die Gesellschaft gegen jede Vereinnahmung von religiöser Seite erwehrt. Freilich begründet sie das mit ebenjenen Werten, die ihr aus der Botschaft des Kreuzes überkommen sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Solidarität, Personenwürde und mehr.
Der Erlöser starb am Kreuz, weil die staatlichen und religiösen Kräfte seiner Zeit den Kontakt zu ihrem Sinn und Ursprung verloren hatten. Er wurde dem Glauben nach, der sich mit dem Kreuz verbindet, auferweckt, damit die Menschen niemals mehr Ideologie vor Personenrecht, Religionsvorschriften vor die Barmherzigkeit stellen und Unterdrücker in keiner Religion Namen andere unterdrücken dürfen.
Wie wir Menschen uns auch organisieren: Es braucht das Zeichen des Kreuzes, damit es das Fenster anzeigt, das alle geschlossenen Denksysteme brauchen, um menschlich zu bleiben. Ein Staat, der in seine Amtsräume ein Kreuz hängt, macht sich die Demut zu eigen, niemandes Weisheit letzter Schluss sein zu können. Lehrer, die unterm Kreuz unterrichten, bedeuten ihren Schülern, dass es noch andere Sichtweisen gibt auf die Dinge, die sie unterrichten, als jene, die sie bewusst oder unbewusst mitunterrichten. Und der Richter, zu dem der Angeklagte blickt, braucht das Kreuz über sich, da es auf eine Gerechtigkeit verweist, die kein Urteil dieser Welt geben kann.
Die Gemeinwesen des Abendlandes haben ihre Werte aus der Botschaft des Kreuzes empfangen. Diese zu verkünden, ist Aufgabe derer, die ihr Glauben schenken. Die Werte, die daraus folgen, sind auch ohne diesen Glauben gültig. Deren Zeichen ist das Kreuz. Wer es verbannen will, sollte gut befragt werden, welche Freiheit er damit in Anspruch nimmt. Es ist jedenfalls nicht jene, die der Staat sich bewahrt, der Respekt vor dem Kreuz hat. Er hilft sich damit, demütig zu bleiben und niemals Gottes Stelle vertreten zu wollen. Er bejaht, dass seinen Bürgern das Fenster zur Welt Gottes offensteht und – das darf er gern – erwartet sie daraus zurück als kritische Helfer am Aufbau einer pluralen, menschwürdigen Gesellschaft, in der es weder Denk- noch Glaubensverbote gibt.
derautor
7. November 2009 at 15:02
Der Staat soll das Kreuz bewachen, gleichzeitig darf das Kreuz aber nicht in die Hände des Staates fallen?
HerrArnold
7. November 2009 at 16:55
Der Staat wurde aus gutem Grund von der Kirche getrennt. Ich hab nix dagegen wenn jemand sich ein Kreuz ins Haus hängt. Aber warum drängt man es Kindern auf? Der einzige Grund – und ich sprech das jetzt einfach mal laut aus – ist dass die Kirche ihren Nachwuchs erhalten will und deshalb mit aller Macht versucht in den Schulen zu bleiben. Und dafür ist das Kreuz in der Schule.
Außerdem gibt weiß Gott andere Symbole die nicht so negativ vorbelastet sind wie das Kreuz – ein Kreuz in dessen Namen zahllose Menschen einen sinnlosen Tod gestorben sind.
Bebu
7. November 2009 at 20:22
“Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke” fällt mir zu diesem Beitrag von Bruder Paulus nur ein…
skydaddy
8. November 2009 at 04:40
Lieber Bruder Paulus!
Ich wollte gerade schreiben, Sie sollten sich mal was anderes lesen als immer nur die Bibel und den Katechismus – da fiel mir auf, dass Sie das ja offenbar tun – indem Sie dieses Blog lesen.
Daher hier eine Erläuterung, warum die Gerichte so urteilen, wie sie es getan haben:
Das Menschenrecht der Religionsfreiheit gilt natürlich für alle – es hat aber in erster Linie Minderheitenschutzcharakter: Die Mehrheit hat ja üblicherweise kein Problem damit, ihre Rechte wahrzunehmen. Es ist aber typisch, dass Mehrheiten versuchen, Minderheiten ihre Auffassungen aufzudrängen – dies soll durch das Recht auf Religionsfreiheit verhindert werden. (Demoktratie ohne Minderheitenschutz = Diktatur der Masse.) Das “muffig anmutende Gehabe”, von dem Sie schreiben (eine, ähem, interessante Wertung von einem vmtl. katholischen Ordensmann?), wird ja erst dadurch erzwungen, dass der Staat gegen seine weltanschauliche Neutralität verstößt und Kinder zum lernen unter dem Kreuz zwingt.
Entgegen den Behauptungen erboster Christen, die sich meist nur auf jeweils einen Aspekt beschränken, der ihnen gerade passt (z.B. Kreuz als Symbol für Freiheit – wie das auch immer gehen soll), leben wir glücklicherweise in einem Staat, in dem die verschiedenen Rechtspositionen gegeneinander abgewogen und zu einem Ausgleich – oft ein Kompromiss – gebracht werden.
Das Recht auf freie Religionsausübung wird durch “kein Kreuz” oder “kein Schulgebet” nur unwesentlich eingeschränkt, demgegenüber ist es eine elementare Verletzung des Menschenrechts, wenn ein Schüler oder eine Schülerin gegen ihren Willen zum l
Lernen unter dem Kreuz oder Beten genötigt werden. Deshalb müssen Schulkreuze auf Wunsch abgehängt werden und man muss sich dem Schulgebet in zumutbarer Weise entziehen können.
Das heißt gerade nicht, dass Einzelne der Mehrheit etwas vorschreiben können, sondern es stellt einen Schutz davor dar, dass die Mehrheit unzulässigerweise der Minderheit etwas vorschreibt – z.B. zu beten oder unter dem Kreuz zu lernen.
Nachdem nun staatskirchenrechtlich jahrzehntelang die Religionsfreiheit als Argument FÜR das Schulgebet angeführt wurde, kann es jetzt nicht sein (ist ja auch nicht so), dass einem muslimischen Schüler, der seinem Grundrecht auf Religionsausübung nachkommen möchte, und der dadurch den schulischen Ablauf nicht beeinträchtigt, dies verwehrt wird. Die Religionsausübung einzelner ist anders zu werten als wenn der Staat sich eine Religion zu Eigen macht – z.B. durch Schulkreuz oder Schulgebet (Schulgebet hier im Gegensatz zu Einzelgebet).
Ich warte darauf, dass in einer Klasse, die überwiegend aus “Kindern muslimischer Eltern” besteht, zu Beginn und am Ende des Unterrichts ein muslimisches Schulgebet gefordert wird. Die bisherige Rechtsprechung lässt dies ausdrücklich zu.
Bruder Spaghettus
9. November 2009 at 12:27
Gib´s zu, Andreas, Bruder Paulus bist du selbst.
Das ist nur eine Kunstfigur, die du erfunden hast um mit dir selbst zu diskutieren.
Auch wenn ich sonst deine Texte sehr mag, hier warst du nicht besonders pfiffig. Dein Kunstpaulus ist so was von abgehoben und weit weg von jeder Realität, dass man zu schnell merkt, der ist nur eine Karrikatur eines im Systemdenken verhafteten völlig lebensuntauglichen Ungläubigen.
Nee, so ne Überzeichnung fällt zu sehr auf. Da fall ich nicht drauf rein.
derautor
9. November 2009 at 16:08
Das wäre zwar als Satire recht gelungen, ist aber keine. Bruder Paulus ist ein echter, realer Benediktinermönch.
skydaddy
18. November 2009 at 05:15
Zu Bruder Paulus’ obiger Anmerkung “Mit Mistgabeln für das Kreuz und gegen die Nazis” habe ich hier einen etwas längeren Kommentar geschrieben: „Die Kreuze blieben. Entfernt wurden die jüdischen Schüler.“