
…aber ich kann mich jetzt nicht daran erinnern, was es war. So der gesamte Text eines der letzten Lieder der guten, alten Ramones. In diesem Fall gibt es sehr viel zu sagen und zu wenig Zeit. Darum packe ich alles in einen Blogbeitrag. Es geht um den Islam, um Impfgegner, um Kreuze in Klassenzimmern, um eine neue Studie über Religion und um Cannabis.
Islam
Wie jede Religion ist der Islam echt für die Tonne. Wer eine differenziertere, aber trotzdem passende Kritik wünscht, bekommt sie von dem Schweizer Journalisten Frank A. Meyer:
Der Islam nimmt jeden einzelnen seiner Anhänger total in Beschlag. Genauso total nimmt er die Gesellschaft in Beschlag. Das heisst, er herrscht über seine Gläubigen, indem er ihnen keine Individualität ausserhalb der Glaubensgemeinschaft erlaubt. Und er herrscht über die Gesellschaft, indem er keine rechtsstaatlichen oder demokratischen Strukturen ausserhalb von Koran und Scharia erlaubt.
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Ich zähle mich zu den Religionskritikern. Meine Kritik richtet sich sowohl gegen die rückwärtsgewandte katholische Kirche unter Benedikt XVI. in Rom wie gegen die reaktionären Evangelikalen, vor allem in den USA.
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Er ist auch eine besonders harte Religion. Und eine unzeitgemässe. Es fehlt ihm die Reformation, es fehlt ihm die Aufklärung, es fehlt ihm die Anpassung an die Moderne. Darum finden wir nirgendwo auf der Welt einen echten Rechtsstaat, eine echte Demokratie mit islami-schem Hintergrund. Wir finden auch keine Wissensgesellschaft mit islamischem Hintergrund, keine bedeutenden Universitäten, keine bedeutenden akademischen Leistungen, keine bedeutenden industriellen Leistungen, keine bedeutenden wirtschaftlichen Leistungen – abgesehen vom Handel mit fossilen Rohstoffen und der Investition von Öl-Gewinnen in westliche Unternehmen.
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Die Befreiung des Menschen war historisch immer auch eine Befreiung von der Religion.
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Die Religion erstickt die Intelligenz der Gläubigen, ihren Wunsch nach Aufbruch in eine moderne Welt. Und sie erstickt den Lernwillen von Jugendlichen, wie wir an Schulen überall in Europa sehen.
Und noch ein guter Artikel von Meyer.
Schulkreuze
Weiter geht es im Text mit den Schulkreuzen. Die gehören abgehängt und zwar überall. Das sage nicht nur ich, sondern jetzt endlich auch mein guter alter Freund, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.
Die Richter erklärten, die Kruzifixe seien eindeutig ein religiöses Symbol. Dies könne für Kinder, die anderen oder keiner Religion angehörten, verstörend wirken. Das Recht, an keine Religion zu glauben, gehöre zur Religionsfreiheit. Der Staat müsse dieses Recht besonders schützen.
Besonders in Bildung und Erziehung müsse der Staat auf die konfessionelle Neutralität achten, erläuterten die Richter. Ein Kruzifix als Zeichen für den Katholizismus, die italienische Mehrheitsreligion, könne nicht dem Pluralismus in der Erziehung dienen. Damit werde das Recht der Eltern eingeschränkt, ihre Kinder gemäß ihren Überzeugungen zu erziehen. Auch das Recht der Kinder, zu glauben oder nicht zu glauben, werde dadurch verletzt.
Das Urteil rult! Und die Begründung rult – zum Teil – auch.
Drogen
Die gehören alle legalisiert, um Terroristen und Mafiosi das Handwerk zu legen. Allerdings unter kontrollierten Bedingungen und unter harten Auflagen (z.B. dürfen sie nicht in Kinderhände geraten). Soweit meine aktuelle, unfertige Meinung zum Thema. Hier die Meinung von Professor David Nutt, kürzlich entlassener Chef des Beirats zum Drogenmissbrauch in England:
Vergangene Woche nutzte Prof. Nutt eine Vorlesung in der King’s College, London, um zu erläutern, dass das Rauchen von Cannabis lediglich ein „relativ kleines Risiko“ für psychotische Erkrankungen berge und dass es faktisch weniger schädlich als Nikotin oder Alkohol sei. Am Freitag wurde er zum Rücktritt gezwungen, nachdem er einen Brief des Innenministers Alan Johnson erhielt, der besagte, seine Kommentare hätten die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Beirats unterminiert.
Prof. Nutt erzählte, die Regierung habe den Rat zu Cannabis „auf eine Laune des Premierministers hin“ ignoriert. „Bis Gordon Brown das Amt übernahm, wurde keine einzige Empfehlung des Beirats zur Klassifikation von Drogen von der Regierung zurückgewiesen“, sagte er. (…) „Gordon Brown übernimmt das Amt und kurze Zeit später beginnt er, absurde Dinge zu äußern, wie dass Cannabis tödlich sei… es müsse eine Droge der Klasse B sein.“ (…)
„Es hat keinen Sinn, Drogengesetze zu haben, die bedeutungslos und beliebig sind, nur weil Politiker es nützlich und zweckmäßig finden, gelegentlich hart mit Drogen ins Gericht zu gehen. Das unterminiert die ganze Zielsetzung der Drogengesetze.“ Prof. Nutt sagte weiterhin, sein Beirat sei „sehr, sehr aufgebracht über die Einstellung des Premierministers in Bezug auf Cannabis“, und einer habe ihm bereits mitgeteilt, dass er zurücktreten werde. (…)
Impfgegner
Die Epidemie des Schreckens: Wie panische Eltern, die Impfungen auslassen, uns alle gefährden. So heißt ein toller Artikel im Wired Magazine über Impfgegner, die behaupten, die Pharmaindustrie/Regierung wolle uns mit Impfstoffen vergiften. Wussten Sie, dass Jim Carrey, seine Frau Jenny McCarthy, der Politsatiriker Bill Maher und tendenziell auch der Darsteller von “Data” (aus Star Trek: The Next Generation) alle Impfgegner sind? Hm, diese Ideologie scheint vor allem Komiker und Schauspieler anzuziehen…
Ein 58-jähriger Wissenschaftler namens Paul Offit, der schon zahlreiche Preise gewonnen hat, ist zum Todfeind der US-Impfgegner geworden. Er erhält Todesdrohungen. Sein Verbrechen: Er hat ein Buch mit dem Titel Autism’s False Prophets geschrieben, in dem er sorgfältig darlegt, warum Impfstoffe keinen Autismus auslösen, noch sonstige Krankheiten, die sie den Impfgegnern zufolge auslösen sollen.
Wie schon beim Kreationismus haben die Massenmedien mitgemacht. Wie immer gilt für sie “die goldene Mitte”. Sie laden sowohl Impfgegner wie zurechnungsfähige Menschen zu einer Fernsehdebatte ein und der Zuschauer soll mit dem Eindruck davongehen, dass Impfstoffe so halb giftig sind und uns die Pharmaindustrie/Regierung so halb umbringen will. Irgendwie.
Ungefähr dreimal so viele Kinder in den USA werden von ihren Eltern nicht geimpft wie 1991. Dabei gehören die Impfgegner eher wohlhabenden und gebildeten Schichten an. Kein Wunder, von denen fallen auch viele auf die 9/11-Verschwörungstheorien rein. Manche Dinge sind so blöd, dass man studiert haben muss, um an sie zu glauben.
In Kalifornien werden 2% der Kindergartenkinder nicht geimpft. Sie gefährden damit ungefähr 10% der Kindergartenkinder insgesamt, weil das Ausbruchsrisiko durch die mangelnden Impfungen erheblich angestiegen ist. In einigen Teilen der USA liegt die Ansteckungsgefahr wieder so hoch wie zu Zeiten vor der Existenz von Impfmitteln, etwa im Mittelalter.
Ich für meinen Teil habe keinen Zweifel, dass sich die Impfgegner auch in Deutschland weiter ausbreiten werden.
Tipp zum Thema: Checkliste Verschwörungstheorien
Religiosität als sexuelle Nische
Der Psychologe Rolf Degen (“Antipapst der Psycho-Szene”) hat mir gerade wieder eine neue Studie rübergeschickt. Psychologische Studien generell lassen meine Hoffnung in die Menschheit immer weiter schrumpfen. Es ist von den garstigsten Zynikern und miesgelauntesten Misanthrophen kaum auszumalen, wie primitiv und blöde wir Menschen in diesen Versuchen und Modellen immer wieder abschneiden.
Diese Studie nennt sich “Mating Competitors Increase Religious Beliefs” und wurde erstellt von den Forschern Yexin Jessica Li, Adam B. Cohen, Jason Weeden und Douglas T. Kenrick. Darin wurden Menschen (Frauen und Männer) mit einer Gruppe von attraktiven Sexualkonkurrenten desselben Geschlechts konfrontiert. Männer und Frauen wurde beide religiöser, wenn man sie in einen Raum mit attraktiven Männern oder Frauen des jeweils eigenen Geschlechts steckte (bzw. behaupteten sie, religiöser zu sein).
Eine mögliche Erklärung lautet, dass eine Funktion der Religiosität darin besteht, eine Art sexuelle Nische darzustellen. Die Testsubjekte glaubten, sie könnten nicht mit den tollen Hechten und mit den heißen Bräuten ihres jeweils eigenen Geschlechtes konkurrieren. Religiosität bietet einen Ausweg. Das ähnelt der These von Michael Blume, nur genau umgekehrt: Religiosität ist eine sexuelle Nische für Menschen, die auf anderen Gebieten nicht konkurrieren können. Mit den Worten der Forscher:
More generally, our results support the view that religiosity can be a flexible strategy that changes with relevant ecological inputs. It has been traditionally presumed that religious people are more sexually restricted because of direct religious training (Weeden et al., 2008). The current data suggest alternative causal relationships. Humans are capable of exploiting many types of ecological niches, and religions may represent different niches (Storm & Wilson, in press). People may move between niches (some religious and some not) given which niche would promote the greatest reproductive success.
Ergo: Der letzte Beweis, dass wir wirklich Affen sind.
Neue Rezension übers Trio
Astrodicticum Simplex alias Florian Freistetter, Astronom und Wissenschaftsblogger, hat sich Das Prometheus Trio: Die Invasion (mein erstes “echtes” Buch) vorgenommen. Ein Ausschnitt aus seiner Kritik:
Das Buch ist spannend und auf jeden Fall lustig. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es sich hier tatsächlich um ein Buch für Jugendliche handelt oder eher eine überzogene Parodie auf typische Jugendbücher.
Ja, eine Parodie auf das Genre der Jugendbücher könnte es durchaus auch sein ( ich habe mich über so viele Dinge darin lustig gemacht, da kann man schon mal eines vergessen). Andererseits habe ich als Jugendlicher mit großer Begeisterung die Scheibenwelt-Bücher von Terry Pratchett gelesen und habe nicht einmal die Hälfte davon verstanden. Ich habe versucht, das Buch so zu schreiben, dass die Geschichte auch spannend und interessant ist, wenn man nicht jeden Gag und jede Anspielung versteht (und das tut nicht einmal mein Lektor, im Grunde außer mir überhaupt niemand. Vielleicht nicht einmal ich). So war das auch geplant: Es gibt sehr viel zu entdecken in dem Buch und es lohnt sich, es mehrmals zu lesen. Je nach Lebenserfahrung dürfte gerade dieses Buch ganz unterschiedlich verstanden werden.
Ich habe sogar vor, irgendwann eine Liste mit popkulturellen Anspielungen zu veröffentlichen, von denen wirklich viele eingebaut sind. Die könnten findige Leser weiter ergänzen. Harry Potter kommt zum Beispiel darin vor und Julius Ceasar (der gehört doch zur Popkultur, oder?).









Tarbaij
4. November 2009 at 10:08
>Ein 58-jähriger Wissenschaftler, der schon zahlreiche Preise gewonnen hat, ist zum Todfeind der US-Impfgegner geworden.
Pardon, vielleicht habe ich es überlesen, aber wie heißt dieser Wissenschaftler und wie heißt dieses Buch?
Epicurus
4. November 2009 at 21:10
“Wir finden auch keine Wissensgesellschaft mit islamischem Hintergrund, keine bedeutenden Universitäten, keine bedeutenden akademischen Leistungen”
Da scheinen mir Herrn Meyer aber elementare Kenntnisse der Wissenschaftsgeschichte zu fehlen: Was für ein Schlag ins Gesicht der Wurzeln der Mathematik und Naturwissenschaft
Es gab Zeiten, in denen im Umfeld des Islam eine kulturelle und wissenschaftliche Blüte entstand; siehe z.B. die Herkunft der Zahlen auf unseren Tastaturen (z.B. die Mathematiker Al-Chwarizmi und Abu Kamil) und der vielfältige Eintrag, der über Spanien unter der Herrschaft der Mauren ab dem 8 Jahrhundert bis zur Reconquista die europäische Kultur, Wissenschaft, Technik und Medizin teilweise bis heute prägt. Auch Begriffe wie Algebra oder Algorithmus stammen aus diesem Kontext. Im Kalifat von Cordoba herrschte eine recht weitgehende Denkfreiheit.
Mit dem Beginn des dunklen Mittelalters war die Wissenschaft in der islamischen Welt der Europäischen überlegen. Diese hochstehende islamische Kultur und Wissenschaft versank ähnlich wie die Kultur des römischen Reiches aus einer Reihe von Gründen: Äusserer Druck, innerer Zwist und nicht zuletzt die Erstarkung eher fundamentalistischer religiöser Kräfte.
Hier sind zwei interessante Links dazu. Ein alter Podcast-Text von SWR2. Amüsanter Start: Ein Mann stirbt, wie wird sein Besitz aufgeteilt? Laut der vierten Koransure gehen zwei Drittel an die Kinder, ein Drittel an seine Eltern und ein Achtel an seine Frau, interessant. Die Religiösen der damaligen Zeit waren also nicht die Mathematikstars, aber immerhin bot die damalige islamische Gesellschaft einen brauchbaren Boden für die Wissenschaft.
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=4149980/property=download/nid=660374/1yvx9vw/swr2-wissen-20081208.pdf
Noch ein zweiter Link zu meinem persönlichen Held der Wissenschaft aus dem islamischen Raum: Ulugh Beg (etwa 1400 bis 1450). Schönes Zitat bei Wikipedia: “Die Religionen zerstreuen sich wie Nebel, (…) aber die Arbeiten des Gelehrten bleiben für alle Zeiten. Das Streben nach Wissen ist die Pflicht eines jeden!” Habe vor ein paar Monaten mal mit jemandem aus Usbekistan zu Mittag gespeist und Ulugh Beg angesprochen: Der platzte fast vor Stolz (zu Recht
) Sein für die damalige Zeit gigantisches Observatorium war einigen ein Dorn im Auge, da es höher als die Moscheen der Stadt war.
http://de.wikipedia.org/wiki/Ulugh_Beg
http://de.wikipedia.org/wiki/Ulug_Begs_Observatorium
Auch einer der ersten echten Naturwissenschaftlicher stammt aus dem islamischen Raum: Alhazen
http://de.wikipedia.org/wiki/Alhazen
the list goes on
derautor
4. November 2009 at 21:23
Heute finden wir diese Dinge in der islamischen Welt aber nicht mehr.
Epicurus
5. November 2009 at 08:58
Korrekt, aber Meyers Argumentation scheint mir eine prinzipielle zu sein und nicht nur eine gegenwartsbezogene.
Es hat zu Zeiten religiöser Dominanz im Islam wie auch im Christentum immer wieder Phasen und Orte gegeben, in denen die Wissenschaft aufblühte, z.B. weil sie als Dienst an Gott verstanden wurde. Viele der frühen Wissenschaftler waren Priester oder Theologen. Es wäre ein zu einfaches Schwarz-Weiß-Denken, wenn man dies unterschlägt: Wir stehen auch auf deren Schultern (und einige davon sind islamisch).
Wir sind aber meinungsmäßig vermutlich dennoch dicht beieinander. Von solchen Blütephasen unberührt bleibt meine Überzeugung, dass 1) Glaube und Wissenschaft (im Sinne des kritischen Rationalismus) wesensfremd sind und 2) das insbesondere das Christentum explizit wissensfeindlich ist, wie uralte Bibelstellen ebenso belegen wie einige moderne Enzykliken.
Mein Lieblingsbeispiel ist der Angsttraum des Kirchenvaters Hieronymus, der die Vulgata-Bibel schrieb: Er träumte, dass Gott ihn auspeitscht, weil er nicht-religöse Bücher liest, z.B. von Cicero, und Gott läst von der Strafe erst ab, als Hieronymus schwört, solche Bücher nie mehr zu besitzen und zu lesen.
Das Bild der heutigen islamischen Gesellschaft kann ebenso wie der Fall vom griechisch-römischen Licht in das Dunkel das Mittelalters in diesem Sinne als Warnung verstanden werden: Man kann ein hochstehendes kulturell-wissenschaftliches Niveau auch wieder verlieren. Dies liegt nicht nur an Religion, aber sie leistet einen erheblich Beitrag.
Erst bei der Frage, in welchem Stil man gegen den Glauben vorgeht, ereilt und dann wieder ein kleines Meinungsschisma