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Das Märchen von der verbotenen Wundersalbe

22 Okt

Impfgegner (nationalpost.com)

Sind wir Versuchskaninchen der Pharmaindustrie?, lautete das Thema der gestrigen Ausgabe von Hart aber fair (kann man sich hier ansehen). Die Antwort hängt ganz davon ab, ob die Regierung unsere Gedanken kontrolliert, um von den Außerirdischen abzulenken, die heimlich in unsere Milchshakes spucken. Auf jeden Fall gab es eine schöne, kostenlose Buch-Promotion für den Autor von “Heilung unerwünscht”. UPDATE!

Beda Stadler hat mal wieder in aller Überdeutlichkeit seine Meinung geäußert über dem Hokuspokus mit der Vitamin-Wundersalbe: “Hat ein Mittel keine Nebenwirkung, dann hat es auch keine Wirkung”, stellte er fest. Markus Grill, ansonsten ein vehementer Kritiker der Pharmaindustrie, sprach ebenfalls seine Bedenken aus. Die Salbe wäre nämlich günstig herzustellen und man könnte sie teuer verkaufen, weshalb es ihn wundert, warum die Wundersalbe so unattraktiv sein sollte für die Pharmaindustrie.

“Ich nenne Sie einen Scharlatan”, sagte Beda Stadler schließlich zu Buchautor Klaus Martens und dem Moderator Frank Plasberg warf er sogar “Betrug” vor. Ganz schön mutig, wenn man bedenkt, dass Simon Singh gerade für eine ähnliche Meinungsäußerung über die Chiropraktik vor Gericht steht. Aufklärer haben es eben schwer.

Doch was ist nun mit dieser Wundersalbe? Die erscheint Mitte November. Völlig überteuert und begleitet von einem Buch namens “Unerwünschte Heilung” von Klaus Martens, nebst seiner bestellbaren ARD-Doku gegen die böse Pharmaindustrie. Ein Kommentar aus der Deutschen Apothekerzeitung:

Im Windschatten der ganzen Aufregung um das „patientenverachtende“ Verhalten der Pharmaindustrie ist allerdings jetzt zu erfahren, dass das Schweizer Unternehmen Mavena Health Care schon Mitte November die Vitamin-B12-Salbe unter dem Namen Regividerm® auf den Markt bringen wird. Passend dazu bietet eine Agentur “just in time” neben einem Interviewtermin mit dem Geschäftsführer  die ARD-Sendung auf CD an.  PR-Unterlagen zur neuen Salbe können ebenso geordert werden wie ein Muster der Salbe. Die Salbe selber wird in der Apotheke für rund 30 Euro pro 100 g erhältlich sein. Ein stolzer Preis. Eine adäquate Rezeptur in der Apotheke würde unter 20 Euro pro 100 g kosten. Und selbst der Autor Klaus Martens scheint von der Aufregung um die „unerwünschte Heilung“ profitieren zu wollen. Mit dem Film ist auch ein Buch des Autors mit einem gleichnamigen Titel erschienen. Alles Zufall oder doch Profitgier?

Doch soll die Salbe nicht heilen? Wurde das nicht in randomisierten Studien bestätigt?

Die Ergebnisse sind zwar vielversprechend, aber es gibt nur ein mageres Fundament an Daten. Und auch der Erstautor beider Studien, der  Dermatologe Dr. Markus Stücker von der Ruhr-Universität Bochum, sieht, wie auf den Online-Seiten der Süddeutschen Zeitung zu lesen ist, weiteren Forschungsbedarf. Die Bewertung sei noch nicht abgeschlossen, die Sicherheit sei noch nicht da und man habe bislang viele Medikamente gesehen, die das nicht halten konnten, was sie versprochen haben. Aus dem Umstand, dass die Vitamin-B-Salbe noch nicht im Markt ist, einen Betrug am Patienten zu konstruieren, hält Stücker für verfehlt.

Das klingt deutlich weniger reißerisch als in dem ARD-Beitrag von Klaus Martens. Die Studien reichen keinesfalls aus, um die Rezeptur als Arzneimittel zuzulassen. Wenn von einer Zulassung des Medikaments gesprochen wird, dann ist das irreführend. Gemeint ist die Registrierung als Medizinprodukt der Klasse II a (mäßiger Invasivitätsgrad, kurzzeitige Anwendung am Körper) in Deutschland und der Schweiz.

Falls die Salbe wirkt, dann wird sie zugelassen. Das Tragische an der ganzen Sache ist die Bedeutung dieses “Skandals” für die Impfgegner, die ebenfalls Propaganda gegen die Pharmaindustrie betreiben, um die Leute davon zu überzeugen, dass die Pharmaindustrie die Menschen absichtlich vergiften will. Danke, ARD! Unfassbar, dass man auch noch Rundfunkgebühren bezahlen muss, damit paranoider Unsinn verbreitet und Bücher verkauft werden können.

UPDATE: Beda Stadler im hpd-Interview über seine Beweggründe, von Scharlatanerie und Betrug zu sprechen.

 
20 Comments

Geschrieben von am 22. Oktober 2009 in Medienkritik, Medizin, Wissenschaft

 

20 Antworten zu Das Märchen von der verbotenen Wundersalbe

  1. Martina

    22. Oktober 2009 at 17:52

    Super Beitrag. Ich bin ja eher skeptisch bei Vertretern der Pharmaindustrie. Als aber alle gegen den Autor waren, war meine anfängliche Begeisterung für die Salbe dahin.

     
  2. Bebu

    22. Oktober 2009 at 17:59

    Ich dachte schon, dass der übertriebene Hype um die Schweinegrippe ein gelungener PR-Coup gewesen wäre. Aber dieser künstliche Affenzirkus topt das ja um Längen.

     
  3. wolkencloud

    22. Oktober 2009 at 19:59

    Nicht jede Verschschwörungstheorie ist automatisch richtig, seien die Gegener auch noch so “böse”.

     
  4. olyly

    22. Oktober 2009 at 22:56

    Ich setze voraus: Die Rezeptur dieses Medikamentes ist schon lange bekannt.

    Wäre die Salbe eine Wundersalbe und zudem preiswert herzustellen, hätte bestimmt schon aus Kostengründen der ein oder andere Arzt sie verschrieben. Und seine Praxis hätte mehr Heilungserfolge zu verbuchen, als die der Cortison-Verschreiber.

     
  5. AMUNO

    23. Oktober 2009 at 14:04

    Also ist jetzt doch nichts an dieser Wundersalbe dran? Und warum bringen die ihre Studien nicht seit dem Aufkommen der Salbe zum Ziel? Hatten doch mehrere Jahrzehnte Zeit oder nicht?

    Mich verwirrt dieses Thema ein wenig.
    Ach hier noch ein kleiner Bericht über heute-Nachrichten und die Realität ;)
    Meinungsmache beim ZDF

    Gruß

    AMUNO

     
  6. buchstaeblich

    23. Oktober 2009 at 15:56

    Wie elegant die Medien den Unterschied zwischen Linderung und Heilung zu umgehen verstanden, fand ich an der Angelegenheit besonders spannend. Dabei sind das doch eigentlich recht simple Wörter.

     
  7. RandyFisher

    24. Oktober 2009 at 14:48

    Naja, das wir Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie sind, dürfte doch längst klar sein. Spätestens die Modediagnose ADHS und der daraus resultierende übermäßige Ritalin-Konsum dürfte das bestätigen. Und das weiter sich noch auf viele andere Bereiche aus.

     
  8. Achter

    24. Oktober 2009 at 19:53

    @RandyFisher,

    machen Sie sich erstmal schlau bevor Sie zig-tausende ADHS-Betroffene mit dümmlichen Vorurteilen beleidigen.
    http://www.theness.com/neurologicablog/?p=876

     
  9. RandyFisher

    25. Oktober 2009 at 11:20

    @Achter: Es ist aber Fakt, dass ADHS durchaus eine Modediagnose ist und (ich schätze mal) etwa die Hälfte der Ritalin-Konsumenten dieses Medikament fälschlicherweise einnehmen, auf Grund von schlampiger Diagnosen, die es Ärzten, Pädagogen oder Eltern einfacher machen. Ich mag da sicher nicht ausschließen, dass es durchaus auch echte ADHS-Kinder gibt, die das Medikament brauchen, aber in Anbetracht der Masse, die dieses einnimmt, ist das schon fast wieder eine Minderheit. Vielleicht solltest du dir erstmal ansehen, wie in manchen Erziehungseinrichtungen, Kinder zu hunderten Schlange stehen, um solches Zeug verabreicht zu bekommen, bevor du sowas verteidigst.

    Aber da es inzwischen ja dermaßen viele Konsumenten des Medikaments gibt, die durch ihre Sucht glauben, sich damit besser zu fühlen und immer mehr von dem Medikament wollen, war es natürlich klar, dass so ein Kommentar sehr schnell kommt und zig Leute versuchen würden, das Medikament zu verteidigen. Oder natürlich Eltern, oder Pädagogen, die festgestellt haben, wie gut sie doch ihr Kind damit ruhigstellen können und deswegen nun das Medikament verteidigen wollen. Bitte nehm’s mir nicht übel und fühl dich nicht beleidigt, aber ich würde glatt annehmen, du bist selbst Betroffener oder stehst in irgendeiner Weise in Verbindung mit dem Medikament – stimmt’s oder hab ich recht?

     
  10. Achter

    25. Oktober 2009 at 22:29

    “ich schätze mal”

    @RandyF.
    es ist völlige Sülze was Sie da schreiben.
    Wenden Sie sich bitte an SERIÖSE Quellen. Oder halten Sie den Mund. Ich bin es leid mich auf dämliche Unterstellungen einzulassen oder mich gar für ADHS rechtzufertigen. Hunderte Wissenschaftler, Kliniker, Therapeuten aus aller Welt haben eine Unzahl von echten Ergebnissen zu diesem Thema. Dennoch kommen aber immer wieder irgendwelche Idioten, Psychoanalytiker und anderes sektoides Gesocks aus irgendwelchen Löchern gekrochen und vermüllen die Welt mit ihren “Sichtweisen”:
    http://www.esowatch.com/index.php?title=Ritalinkritik

    Achter

     
  11. derautor

    25. Oktober 2009 at 22:37

    Leute, bitte brav sein. Im Zweifelsfall einen Kamillentee mit Schaumbad genießen, vorzugsweise in abgetrennten Behältern.

     
  12. Achter

    25. Oktober 2009 at 22:51

    “Leute, bitte brav sein.”
    Ich bin brav. Solange man über ADHS keinen Mist verzapft und zusätzlich – von Infos/Links unbeirrt – ignorant weiterhin den gleichen vorurteilsbeladenen Quatsch von sich gibt. RandyFisher hat seine Chance gehabt…

    Aber sei´s drum, ich bin ein Fan und Stammleser dieses Blogs und wills mir mit dem Autor ja nicht verderben… ;-)

     
  13. RandyFisher

    25. Oktober 2009 at 23:08

    Ich verzapfe keinen Quatsch und verleugne auch kein ADHS, wie du vielleicht denkst. Ich behaupte lediglich, dass ein Großteil der Diagnosen lediglich Modediagnosen sind, die fälschlicherweise erstellt wurden.

    Ich finde es unterdessen interessant, dass du wohl tatsächlich ADHSler bist und (vermutlich) ebenfalls Ritalin zu dir nahmst. Hatte den Link bei deinem Kommentar erst gar nicht bemerkt, als ich zuletzt schrieb. Ist aber erstaunlich, wie gut man so etwas aus Kommentaren herauslesen kann. Denn i.d.R. verteidigen nur selbst betroffene “ihr” Medikament… äh, Wundermittel… auf diese extreme Weise.

     
  14. RandyFisher

    25. Oktober 2009 at 23:11

    Meine natürlich den Link zu deinem Blog, um Missverständnisse zu vermeiden. ;)

     
  15. Achter

    25. Oktober 2009 at 23:12

    “Ich verzapfe keinen Quatsch”
    Ja ne is klar

     
  16. Achter

    25. Oktober 2009 at 23:39

    “diese extreme Weise”.

    Diese “Weise” wäre weniger extrem, wenn Sie weniger ignorant wären. Aber ich lasse es jetzt lieber, das Blogthema ist ohnehin ein anderes.

     
  17. RandyFisher

    26. Oktober 2009 at 12:20

    Ich bin nicht ignorant, ich verdeutliche die Ritalin-Problematik. Auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen: Es gibt tatsächlich viele Kinder, die gar kein ADHS haben und trotzdem Ritalin nehmen.

    Ein Beleg, dass diese Problematik besteht, ist hier nachzulesen: http://www.dgsp-rheinland-pfalz.de/uploads/ritalin.pdf

    Verfasst von der SPD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz.

    Hier ein kurzer Auszug daraus:
    “Auf eine Kleine Anfrage teilte das zuständige Ministerium für Gesundheit mit, dass ein großer Teil der Methylphenidat-Verordnungen nicht von Kinderärzten oder Kinderpsychiatern vorgenommen wird, sondern vor allem von Hausärzten, aber auch von Laborärzten, HNO-Ärzten, Frauenärzten, Radiologen und Zahnärzten.
    Diese Feststellungen wurden anlässlich einer Expertenanhörung auf Einladung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Frau Marion Kaspers-Merg, am 24. Oktober 2001 in Berlin getroffen.”

     
  18. RandyFisher

    26. Oktober 2009 at 12:21

    Leider hat sich das oben geschriebene aber keineswegs verbessert, sonden inzwischen eher verschlimmert. Und darauf bezog ich auch, dass die Pharmaindustrie uns als Versuchskaninchen benutzt

     
  19. Martin

    26. Oktober 2009 at 13:10

    @RandyFisher: Das hat mit der Pharmaindustrie nur halt praktisch nix zu tun. Das hat in manchen Fällen mehr mit den Eltern und deren Boren und Löchern der Ärzte zu tun, bis diese sich bereit erklären Ritalin zu verordnen. Ist mitunter einfach Überlastung der Eltern.
    Wobei ADHS durchaus ein reales, auch per Medikament “einstellbares” Phänomen ist.

     
  20. RandyFisher

    26. Oktober 2009 at 13:16

    Naja, in Anbetracht der Ausmaße, die das ganze annimmt, könnte man durchaus auf die Vermutung kommen, dass die Pharmaindustrie ihre Finger mit im Spiel hat. Es läuft ja inzwischen so ab, dass Ärzte und Sozialpädagogen die Kinder gegenseitig hin und her schieben, damit beide das meiste Geld verdienen. In den Erziehungseinrichtungen wird Ritalin oftmals kartonweise gelagert und verabreicht, von ein und dem selben Arzt verschrieben, der wieder Nachschub (Kinder) in die Einrichtung schickt und auch die Einrichtung läuft mit ihrem Nachschub dort hin. Man unterstützt sich gegenseitig, um sich zu bereichern, gänzlich ungeachtet dessen, dass darunter zig Kinder sind, die gar kein ADHS haben und auch nicht in diese Einrichtung müssen. So korrupt, wie die zuständigen Leute sind, wird den Eltern notfalls einfach ein Erziehungsproblem unterstellt, welches überhaupt nicht vorhanden ist. Gleichzeitig sind aber in den Einrichtungen eben die Ausmaße dermaßen groß, dass man Annehmen könnte, es handele sich um Versuchskaninchen für Langzeitstudien des Medikaments. Das würde nämlich auch erklären, warum das Medikament stellenweise bewusst Kindern verabreicht wird, die dieses nicht einmal verschrieben bekamen – ganz nach dem Motto: “wenn die passende Reaktion kommt, hat es ADHS… wenn nicht, dann eben nicht”. Warum aber macht man das, wenn die Pharmaindustrie nicht mit dahinter steckt?

    Und sowas läuft dort erschreckenderweise tatsächlich ab, wie ich mit eigenen Augen vor ein paar Jahren mitansehen musste.

    Die echten ADHS-Kranken, bei denen das Medikament die richtige, paradoxe Wirkung hat, mal ganz außen vorgelassen…

     
 
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