
Auch die Nazis waren wohltätig!
Normalerweise finde ich Diskussionen um Wortbedeutungen und Selbstbezeichnungen in der säkularen Szene recht öde und fruchtlos. Aber der Autor S.C. Hitchcock wirft ein faszinierendes neues Licht auf den Begriff des “religiösen Extremismus” und auch des “Atheismus”. Was mich auf eine neue, bescheuerte Idee bringt!
In einem Artikel im aktuellen “Free Inquiry” sieht er sich den “religiösen Extremismus” näher an. Tatsächlich: Christen und Muslime, die einen großen Teil ihres Einkommens an Arme spenden, nennen wir nicht “extremistisch”, obwohl auch sie einen Aspekt ihrer Religion ins Extreme kehren. Wir nennen nur diejenigen Gläubigen “extremistisch”, die gewalttätige Passagen in ihren heiligen Büchern beim Wort nehmen.
Jemand, der jedoch nur einen Aspekt seiner Religion herausnimmt und ihn ausführt, ist eigentlich nicht religiös, sondern ein Freidenker. Er glaubt gar nicht, dass sein heiliges Buch von Gott geschrieben wurde, sondern er glaubt, er kann sich daraus rauspicken, was er für sinnvoll hält und verwerfen, was ihm nicht gefällt. Wir loben also Menschen, die religiös zu sein vorgeben und den Armen sehr viel Geld spenden, gar nicht aufgrund ihres “Glaubens”, sondern aufgrund ihrer Freidenkerei!
Was ist mit denjenigen, die beides tun, also alle Aspekte ihrer Religion befolgen? Hitchcock schlägt vor, dass wir sie “Puristen” nennen. Die Wohltäter sind dagegen Extremisten, genau wie die Selbstmordattentäter.
Ferner weist Hitchcock darauf hin, dass Gläubige den Atheismus den Großteil ihres Tages als Werkzeug benutzen: Sie gehen nicht davon aus, dass Gott ihren Ölwechsel für sie durchführen wird, oder dass er sie zur Arbeit fliegt. Religiöse glauben den Großteil des Tages de facto nicht an einen Gott, der sich für ihre Belange interessiert.
Zuletzt betont Hitchcock, dass “free inquiry”, also die kritische Überprüfung von Behauptungen, dem bloßen Atheismus übergeordnet ist. Der kritische Rationalismus sollte für uns insofern im Zentrum stehen.
Ergo: Verdammte Wohltätigkeits-Extremisten!









Stefan
16. Oktober 2009 at 13:13
Sind Extremisten nicht die, die in ihrem Denken und/oder Verhalten “extrem” von dem abweichen, was die meisten als “normal” betrachten? Dazu gehören Extremsportler genauso wie Selbstmordbomber.
Aber nur die, die ihr abweichendes Verhalten – also Selbsmordattentate, Steinigungen oder Todesdrohungen – mit Auszügen aus einer Religion begründen, sind *religiöse* Extremisten.
Das andere Extrem – also den Mitmenschen zu helfen, Gutes zu tun – ist eher kompatibel mit dem Rest der jeweiligen Gesellschaft. Obwohl die wenigsten das Gleiche tun würden, werden Wohltäter akzeptiert, ihr Verhalten eben *nicht* als extrem bezeichnet.
Außerdem wage ich zu behaupten, dass Leute, die ihre Lebensgrundlage auf wirklich allen Aspekten einer Religion aufbauen, nicht als extrem oder normal sondern eher als armselig, bemitleidenswert oder dämlich bezeichnet werden, beziehungsweise mit Adjektiven aus vergleichbaren Kathegorien.
Bebu
16. Oktober 2009 at 13:43
“Außerdem wage ich zu behaupten, dass Leute, die ihre Lebensgrundlage auf wirklich allen Aspekten einer Religion aufbauen, nicht als extrem oder normal sondern eher als armselig, bemitleidenswert oder dämlich bezeichnet werden, beziehungsweise mit Adjektiven aus vergleichbaren Kathegorien.”
–> Von deinem (und wohl auch meinem) Standpunkt sicherlich. Diese Gläubigen würden sie wohl anders beschreiben.