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Glauben ist Glauben

06 Okt

Harris_2009_neuro_belief

Ich habe mal wieder einen neuen Beitrag zur Religionsforschung im Angebot. Zwar wies ich schon in früheren Artikeln darauf hin, dass beim Glauben an Gott nichts Außergewöhnliches in den Köpfen von Gläubigen vor sich geht im Vergleich zum Nichtglauben an Gott seitens Atheisten, doch das wurde vielfach bezweifelt. Nun ist eine neurowissenschaftliche Studie erschienen, die meine Darstellung bestätigt.

Es handelt sich um eine Studie von Sam Harris, der das erste Buch der “Neuen Atheisten” geschrieben hat, genannt “Das Ende des Glaubens”. Er ist Philosoph, außerdem Neurowissenschaftler. Ich habe auch mit Religionskritik angefangen und schreibe nun eher Beiträge über Religionsforschung. Erst lehnt man den Glauben ab, dann will man ihn verstehen, dann – lehnt man ihn noch mehr ab. (Der gläubige Religionswissenschaftler Michael Blume ist der Auffassung, man würde Religion nicht mehr ablehnen, wenn man sie nur richtig versteht. Das scheint nicht universell zu gelten).

Eine gute Zusammenfassung der Studie hat Tom Rees im Angebot, selbst Autor einer wichtigen Studie über den Zusammenhang zwischen Religiosität und Einkommensungerechtigkeit.

So, und das ist dabei herausgekommen: Bei jedem Menschen sind unterschiedliche Teile des Gehirns aktiv, wenn man eine Behauptung bewertet, an die man glaubt, verglichen mit einer Behauptung, an die man nicht glaubt. Dabei ist die Art der Bewertung unabhängig davon, ob man religiös ist oder nicht.

Unterschiede zwischen der Reaktion auf religiöse und nicht-religiöse Behauptungen

Allerdings gibt es doch ein paar Unterschiede, nämlich bei der Bewertung von religiösen Behauptungen allgemein, ob sie geglaubt werden oder nicht: Religiöse Stellungnahmen sind verbunden mit den Emotionen Ekel und Schmerz (die entsprechenden Hirnregionen leuchten auf). Nicht-religiöse Stellungnahmen sind dagegen verbunden mit dem Gedächtnis und mit semantischer Bewertung.

Will heißen: Nicht-religiöse Behauptungen werden eher durch logische Einschätzung beurteilt, religiöse Behauptungen eher anhand des Grades von Ekel und Schmerz, den sie auslösen.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass religiöse Behauptungen stärker mit der Selbstdarstellung zusammenhängen als weltliche Behauptungen. Indem man “Jesus ist der Sohn Gottes” für wahr hält, zeichnet man sich als guter Christ aus und indem man die Behauptung ablehnt, als guter Atheist.

Drittens sind sich Gläubige und Nichtgläubige bei der Bewertung explizit blasphemischer Behauptungen insofern einig, als es Gläubige als besonders belohnend empfinden, Blasphemie von sich so weisen, während es Nichtgläubige besonders erfreut, solche Behauptungen für “wahr” zu erklären.

Wie gesagt gelten diese Unterschiede für beide Gruppen gleichermaßen und beziehen sich nur auf nichtreligiöse Behauptungen im Vergleich zu religiösen Behauptungen allgemein. In den Gehirnen von Gläubigen und Nichtgläubigen geschieht jedoch dasselbe, wenn sie religiöse oder nicht-religiöse Behauptungen beurteilen. Es gibt also keine besondere Hirnregion für den Glauben, den nur Gläubige besitzen würden. Das wäre also noch ein empirisches Argument gegen Blumes These, dass Religiosität adaptiv sei und in den Genen von Gläubigen vorhanden.

 

13 Antworten zu Glauben ist Glauben

  1. Karl Eduard

    7. Oktober 2009 at 07:25

    Es gibt ja auch Leute, die daran glauben, daß der Sozialismus siegt. Geht in deren Köpfen wenigstens etwas vor? Ah, ich vergaß, der historische und dialektische Materialismus ist ja eine Wissenschaft. :)

     
  2. Nanomyte

    7. Oktober 2009 at 12:54

    Danke für die Info.
    Sollte es nicht mal an der Zeit sein die Korrelation zwischen “Ekelanfälligkeit” und “Gottglaube” genau zu erforschen?
    Menschen die sich prinzipiell wenig ekeln oder abschrecken und folglich auch wenig Angst vor dem Unbekannten haben, dürften demnach gegenüber den Glaubensunsinn immun sein.
    Wie wird das Gefühl “Ekel” eigentlich genau geprägt?

     
  3. Kuro Sawai

    7. Oktober 2009 at 12:59

    Wenn ich mir mal Zeit nehme, zu gucken, was die andern Säkularen so veröffenlichen, lande ich manchmal hier. Meinungsfreudiger als der hpd geht’s hier allemal zu. (Doch beim Brights Blog ist mehr los.) Egal, ich danke für den wiedermal inhaltlich vortrefflich anregenden Artikel. (Nebenbei: Beinah hätte ich ihn wegen der lieblosen Titelung allerdings gar nicht erst gelesen.)

    Ich selber interessiere mich nicht so stark und ausschließlich für den Kernbereich Religionskritik. Aber ich teile deine kritische Haltung. – “Glauben” im Alltag ist oft nicht religiöser Glaube, aber ähnlich trügerisch und irreführend. So ist mein Ansatz.

    “Nicht-religiöse Behauptungen werden eher durch logische Einschätzung beurteilt, religiöse Behauptungen eher anhand des Grades von Ekel und Schmerz, den sie auslösen.” Dieser obige Satz hat mich neugierig gemacht. Mir wäre an einer Erläuterung und Vertiefung gelegen. Wo Ekel und wieso Schmerz? – Übrigens sind das basale Emotionen, die auch bei Nichtreligiösen wie mir eine Rolle spielen können.

     
  4. Nachdenkseiten-Leser

    7. Oktober 2009 at 13:52

    @Karl Eduard

    Und der Glauben an den freien Markt, mit seinen Propheten Westerwelle, Hayek und Friedman ist natürlich kein Glaube? Ach ich vergaß, bis vor der “Neuen Weltwirtschaftskrise” (Zitat: US-Nobelpreisträger Krugman) hatten ja alle Neoliberalen keinen Glauben, nur die vermeintlich noch lebenden Sozialisten/Kommunisten haben einen? Wieso hackt man eigentlich auf einer toten Ideologie (=Kommunismus) mit einem im sterben liegenden Neoliberalismus (=kap. Ideologie der Jünger des Friedman/Hayek) rum? Wovon will man ablenken, wenn man behauptet als Kapitalist hätte man keine Ideologie, und dabei doch eine vertritt, wie Aussagen von Westerwelle, Merkel, INSM, Bertelsmann & Co. verraten?

    Heilung gefällig? Denken gefällig?

    Dann guckst du hier:

    http://www.nachdenkseiten.de

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

     
  5. Nachdenkseiten-Leser

    7. Oktober 2009 at 13:55

    @all – Zur Aufklärung folgendes Interview, als heilsame Ergänzung, empfohlen:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31172/1.html

    Es geht um das selbe Anliegen, dass HPD vertritt:

    Selber denken lernen bzw. zweifeln, um es frei nach Kant zu sagen.

    Hieß es nicht einmal:

    “Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”?

    Lang ist’s her….Vielleicht viel zu lang….als Kant dies so geäußert haben soll…

    Gruß
    Nachdenkseiten-Leser

     
  6. Fiona Feinbein

    7. Oktober 2009 at 21:09

    Tja, das in den Hirnen Gläubiger nichts Besonderes vorgeht, hatte ich immer schon geargwöhnt. Tatsächlich halte ich für aussichtsreicher, in ihren Schädeln einen Mangel festzustellen als eine Zusatzfunktion. Jedenfalls legen das meine Gesprächserfahrungen mit ihnen nahe.

     
  7. Fiona Feinbein

    7. Oktober 2009 at 21:10

    … hier noch das fehlende s fürs erste “das”

     
  8. O.

    7. Oktober 2009 at 22:07

    Wurde nicht von hier letztens eine Untersuchung verlinkt, die aufzeigt, daß die Wirkung von Religion die selbe ist, wie die von Alkohol? Wollte ich nur nochmal erwähnen.

    BTW: Der Vorzug am Alkohol gegenüber Religion: das Mem ist nicht ganz so virulent, und wer sich totsäuft, den finde ich weniger aggressiv seiner Umwelt gegenüber, als jemand, der anderen ihren Glauben aufzwingen will (mit Überredung oder Bombe).

    In beiden Fällen gilt: zeigst Du die Sucht auf, bekommst Du eine aggressive Reaktion und Verleugnung ab.

    “Mein Herr, Sie sind Alkoholiker!” wird sicherlich keine nette Reaktion hervorrufen…
    “Sie glauben bloß, und das hat nichts mit Wissen zu tun!” wird einem auch keine netten Reaktionen bringen.

    Sucht enttarnt als Sucht, und schon gibt’s was auf die Fresse!

    Und was bei dem einen Fall Offenlegung als Vorstufe zu Therapie und Entzug ist, und gewünscht oder gefordert ist, wäre im anderen Fall eine Verletzung der religiösen Gefühle und Gotteslästerung und muss dringendst bestraft werden….

     
  9. O.

    7. Oktober 2009 at 22:10

    Glauben ist ein Suchtphänomen und sollte entsprechend therapiert werden…
    … sich daher über Gläubige Menschen auszulassen, wie dumm die denn seien, ist daher ebenso blöd, wie sich über die Dummheit von Junkies oder Alkis auszulassen, wieso die s nicht schaffen von den Drogen weg zu kommen.

     
    • Stefan

      8. Oktober 2009 at 10:10

      Darf man fragen woher das Wissen über die Suchtwirkung von Religion kommt?
      Das Problem ist nach meinen Erfahrungen bis jetzt, dass kleine Kinder schon früh Gehirnwäschen frei Haus geliefert bekommen, im Erwachsenenalter ihre Dummheit als gute Eigenschaften bestätigt bekommen und sich bei Kritik immer wieder auf Staat und Kirchen verlassen können, die stellen sich ja immer wieder konsequent gegen Bildung und Vernunft!!!

       
      • quintil

        9. Oktober 2009 at 09:55

        Der Zusammenhang zwischen Sucht und Glaube ist mir zu weit hergeholt, womit ich nicht sagen will, dass nicht einige Religionen eine der Sucht ähnliche Wirkung zu erzielen versuchen.

        Die Vernunft, die hier so hoch in den Himmel gehoben wird, ist ebenfalls nur ein Glaube. Irgendwann ist dann alles Sucht…

         
  10. Karl Eduard

    8. Oktober 2009 at 08:55

    Das Dumme am freien Markt ist natürlich, daß er funktioniert. Menschen bieten Waren an, andere fragen nach, so findet ein Austausch statt. Da muß man nicht daran glauben, so hat sich die menschliche Gesellschaft von Anfang an weiter entwickelt, daß sich das durchsetzte, was funktioniert hat. Ohne Zwang.

    Wenn jemand an etwas glauben will ist das übrigens seine ganz private Angelegenheit, genau so, wie wenn jemand sagt, ich glaube nicht. Hauptsache er macht seinen Glauben nicht zu etwas, was er anderen Menschen aufzwingen will unter Drohung oder Gewalt.

    Nichtgläubige glauben übrigens auch nur und es erheitert mich immer mehr, wie verbissen sie ihren Nichtglauben anderen Menschen aufdrängen. Wissen wird es am Ende nämlich niemand. das ist das Gute am Glauben, der Glaube. :)

     
  11. quintil

    9. Oktober 2009 at 09:57

    Interessant, untehaltsam, aber kann man aus den obigen Schlussfolgerungen tatsächlich etwas Relevantes herleiten?

     
 
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