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Freie Rede für alle

22 Sep

Abtreibungs-Gegner

Beim Humanistischen Pressedienst gibt es ein Interview mit Christian Fiala, Primar von „Gynmed“ und Gründer des österreichischen Verhütungsmuseums. Er sagt darin: “Da gibt es noch einiges zu tun, den Paaren und Frauen ihre vollständige Autonomie zu geben. Ich denke an religiöse Fanatiker, die Frauen vor Kliniken wie Freiwild behandeln und wo quasi jeder Dahergelaufene den Frauen nachstellen darf und sie beleidigen darf und das vom Gesetzgeber toleriert wird.”

Und das sollte auch toleriert werden. Demonstranten dürfen Frauen vor den Kliniken “nachstellen”, ihnen brutale Bilder von Föten unter die Nase halten und versuchen, sie davon abzubringen, ihr Kind abtreiben zu lassen. Woher kommen bloß diese Positionen von Humanisten, die immer wieder sagen, dass Gläubige nicht das tun dürften, was sie bei ihren Gegnern selbst tun? Es ist auch schade um das Interview, weil es alle anderen, berechtigten Aussagen von Fiala abwertet. Wer die Meinungsfreiheit in Frage stellt, bedient sich der Methoden unserer Gegner.

Niemand zwingt die Frauen dazu, die Kliniken nicht zu betreten (das ginge natürlich nicht!), sondern die Demonstranten stehen nur davor und schreien rum und wedeln mit ihren Schildern. Frauen müssen nun einfach die Stärke aufbringen, diese Spinner zu ignorieren und die Klinik zu betreten. Wenn sie das nicht tun, ist das ihr Problem, nicht das des Staates.

Auch gegen Beleidigungen (“Mörderin”) sollte man m.E. nicht gesetzlich vorgehen. Man kann die Gläubigen im Gegenzug ja ebenfalls beleidigen, aus der Perspektive finde ich es gar nicht schlecht, beleidigt zu werden. So sind die Regeln der freien Gesellschaft und die Alternative lautet, dass derjenige, der jeweils an der Macht ist, entscheidet, wer was sagen darf und wann. Es ist ganz einfach. Ich habe mich dazu entschlossen, jedes Mal zu widersprechen, wenn irgendein säkularer Humanist Gläubigen die freie Rede streitig machen will. Stellt euch auf ein paar repetitive Blogbeiträge ein.

Aber ist das nicht Relativismus? Schließlich sind die verblödet und wir nicht. Das mag sein, spielt aber keine Rolle (außerdem finde ich es ganz schön verblödet, anderen die Meinungsfreiheit abzusprechen). Man muss nämlich beachten, dass Abtreibungsgegner lediglich Wort und Bild verwenden, um ihre Position zu verdeutlichen, egal, wie blöde diese Position auch sein mag. Und das dürfen sie ganz einfach, weil es niemandem schadet. Würden sie Gewalt anwenden, sähe die Sache anders aus, darum geht es aber nicht. Mit freier Rede für alle Parteien kann ich mich zu ihnen hinstellen und die Spinner auslachen. Und das möchte ich gerne weiterhin tun, ohne irgendwelche “Humanisten”, die unseren Gegnern Demonstrationsverbot erteilen wollen.

 
18 Comments

Geschrieben von am 22. September 2009 in Philosophie, Politik, Religionskritik

 

18 Antworten zu Freie Rede für alle

  1. Nic

    23. September 2009 at 05:39

    Ich muss mir die Augen reiben… hast Du das wirklich geschrieben?

    [qoute]Ich habe mich dazu entschlossen, jedes Mal zu widersprechen, wenn irgendein säkularer Humanist Gläubigen die freie Rede streitig machen will.[/quote]

    Gut, Andreas… das ist eine Position, die ich zuvor bei Dir vermisst habe.

     
  2. Stefan

    23. September 2009 at 06:25

    Es klingt schon richtig, was du schreibst. Meinungsfreiheit gilt entweder für alle oder sie ist keine. Aber genau da liegt das Problem.
    Würde jemand zu einer entsprechenden Demonstration vor einer Kirche aufrufen, wo den Gläubigen Bildern von Hexenverbrennungen gezeigt werden, der Priester als Märchenerzähler, Gott als tyrannische Fantasiefigur und von Abraham bis Jesus alle Propheten als schizophren bezeichnet wird, bestünde die Gefahr, dass der Blasphemieparagraph wegen Störung des öffentlichen Friedens zum Tragen kommt.

    Das fühlt sich einfach ungerecht an. :(

     
    • Bebu

      23. September 2009 at 09:38

      Vielleicht sollte man eine derartige Demonstration wirklich mal machen. (Richtig aufgezogen, landen wir damit in den Abendnachrichten. ;-) )

       
    • derautor

      23. September 2009 at 11:50

      Ja gut, das würde bei mir auch unter Redefreiheit fallen. Da müssten entsprechende Einschränkungen weg.

       
  3. Der mit dem Glauben tanzt

    23. September 2009 at 06:27

    Ich muss gestehen, dass auch die freie Rede Schaden verursachen kann. Manche können es ignorieren, ja, aber andere werden dadurch in ihrem Denken beeinflusst. Was ist, wenn die Nazis jegliche Hetzreden frei halten dürfen, weil sie damit ihre freie Meinung ausdrücken? Das würde Kinder und leicht zu beeinflussende Menschen tatsächlich schaden, wenn auch nicht körperlich. Die Psyche ist genau so emofindlich wie der Körper. Ich bin also der Meinung, das solch eine “Meinungsäußerung” gar nicht oder nur in geschlossenen Gesellschaften toleriert werden sollte.

     
    • Bebu

      23. September 2009 at 09:37

      So lange die Transvestiten (= Priester) ihren Quatsch uneingeschränkt kundtun dürfen, sehe ich eigentlich kein Problem, wenn rechts- oder linksextreme Gruppen ihren Blödsinn verbreiten.

       
      • derautor

        23. September 2009 at 11:52

        Bitte nicht mehr den Begriff “parasitär” oder “Parasiten” in Bezug auf Menschen verwenden. Meine Optimalvorstellung von Redefreiheit ist leider nicht die selbe wie die vom Staat. (Außerdem bin ich damit nicht einverstanden, hätte es alleine darum aber nicht gelöscht).

         
      • Bebu

        23. September 2009 at 20:53

        Tze…

        Das ist eine rein deskriptive Bezeichnung, da sich Priester durch ihr Verhalten (insbesondere wenn sie frei und ungehindert ihr geistiges Gift verschießen können) wie … verhalten.

        Wer zwischen beschreibender und wertender Ebene nicht unterscheiden kann oder will, soll sich da pikieren. Mir an sich wurscht.

        Aber ich kann es ja nochmal umschreiben.

        Priester = Menschen, die gerne (Frauen-)Kleider tragen und der Gesellschaft über Gehirnwäsche und geistigen Terrorismus einen (großen) Teil ihrer Güter entziehen ohne eine adäquate Gegenleistung zu erbringen.

         
  4. Linus (ex)Heilig

    23. September 2009 at 06:59

    “würden sie Gewalt anwenden, sähe die Sache anders aus”

    Wieder Chapeau, gut aufgepasst. Ich wäre beinahe moralisch auf ein Verbot reingefallen. Doch “Jenseits von Gut und Böse” scheint keine sauren Äpfel (faule Kompromisse), sondern reife Birnen (vernünftiges Denken) zu tragen.

    ps: Ohne den Zusatz “reif”, war Birne lange Zeit ein satirisches Synonym zu Helmut Kohl. Soviel zu CDU und §128.

     
  5. Bebu

    23. September 2009 at 09:44

    “Aber ist das nicht Relativismus? Schließlich sind die verblödet und wir nicht. Das mag sein, spielt aber keine Rolle (außerdem finde ich es ganz schön verblödet, anderen die Meinungsfreiheit abzusprechen).”
    –> Ich kapiere eine Sache nicht. Wieso reicht es in Diskussionen irgendwelche Begriffe fallen zu lassen und schon ist eine Position/Aussage komplett diskreditiert? Sei es Relativismus oder Biologismus oder was auch immer.
    Wenn man mit so plumpen Begriffen kontert, sagt man damit doch überhaupts nicht aus, außer: “Ich finde, dass Position X/Aussage Y …istisch ist.” Darin ist kein Argument und auch keine Begründung enthalten. Vielmehr wird über das Verwenden solcher Begriffe nur versucht irgendwelche negativen Emotionen und Assoziationen mit der damit betitelten Aussage zu verknüpfen, weil man ansonsten scheinbar(?) keine Argumente hat oder zu faul ist, diese vortragen.

    (Ja, ich weiß, dass dieser Kommentar nicht so recht zum zitierten oder zum Artikel passt. Aber naja… mußte halt mal raus. ;-) )

     
    • derautor

      23. September 2009 at 11:54

      Ich setze in dem Fall bereits voraus, dass die angesprochene Gruppe mit mir übereinstimmt. Man kann nicht immer alles seitenlang erklären.

       
  6. AndreasK

    23. September 2009 at 10:52

    Während du hier gleiches Recht (in Form von freier Rede) für alle einforderst (zu Recht, und ja, auch ich bin positiv überrascht ;o), hat der Spiegel ein altes Thema neu aufgerollt:

    Gleiches Recht für alle gilt nicht, wenn man für die Kirchen arbeitet. Ein uneheliches Kind wird da mal schnell zum Kündigungsgrund:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,649991,00.html

     
  7. GS

    23. September 2009 at 19:37

    Also ich finde dass es nicht unter die Meinungsfreiheit fällt, Leute auf der Strasse zu beschimpfen, und zwar so, dass sie nicht drumherum kommen, sich beschimpfen zu lassen. ‘Ne frisch Schwangere fühlt sich i.A. nicht allzu wohl (egal, ob sie sich über das Kind freut oder nicht) und hat nicht unbedingt die Energie um sich kurz vor einem Arztbesuch noch schnell mit Beschimpfern zu streiten.
    Ausserdem spricht Fiala den Demonstranten das Recht zur freien Meinungsäusserung keineswegs ab, sondern fordert, dass sie das ein paar Meter weiter weg tun, damit die Patientinnen unbehelligt in die Klinik kommen.

    Es besteht auch ein subtiler aber entscheidender Unterschied zwischen freier Meinungsäusserung (“ich finde, du machst was falsches”) und Beschimpfung (“du verdammte Hure, Gott gebe, dass du krepierst”).

    Würdest du auch dann für die Demonstranten eintreten, wenn es zb Leute von Christian Science wären, die vor einer Kinderklinik Wache schieben und sämtliche Väter, die ihre Kinder zur Behandlung bringen, als ungläubige Hurensöhne beschimpfen, denen man die Kinder wegnehmen sollte?

     
    • derautor

      23. September 2009 at 19:45

      “Ne frisch Schwangere fühlt sich i.A. nicht allzu wohl (egal, ob sie sich über das Kind freut oder nicht) und hat nicht unbedingt die Energie um sich kurz vor einem Arztbesuch noch schnell mit Beschimpfern zu streiten.”

      Natürlich sind das aus unserer Sicht Arschlöcher, aber das ist kein hinreichender Grund, ihnen die freie Rede streitig zu machen.

      “damit die Patientinnen unbehelligt in die Klinik kommen”

      Unbehelligt müssen sie auch in die Klinik kommen. Wenn die Abtreibungsgegner Gewalt anwenden, hat der Spaß ein Ende.

      “Unterschied zwischen freier Meinungsäusserung (“ich finde, du machst was falsches“) und Beschimpfung (“du verdammte Hure, Gott gebe, dass du krepierst“).”

      Ja, und Beleidigung ist in Deutschland strafbar. Ich finde allerdings, das sollte man ändern (was nicht heißen soll, dass es sonderlich wünschenswert ist, beleidigt zu werden. Aber in den USA ist das legal und der Diskurs ist viel freier und unverkrampfter).

      “Würdest du auch dann für die Demonstranten eintreten, wenn es zb Leute von Christian Science wären, die vor einer Kinderklinik Wache schieben und sämtliche Väter, die ihre Kinder zur Behandlung bringen, als ungläubige Hurensöhne beschimpfen, denen man die Kinder wegnehmen sollte?”

      Ja. Solange sie nur da rumstehen. Eine sehr kluge Strategie ist das nicht gerade, kein Mensch würde sie noch unterstützen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die sowas über längere Zeit durchziehen würden.

       
  8. Mo

    25. September 2009 at 15:16

    hm. Normalerweise lese ich deine Beiträge hier (und im hpd) mit großem Interesse und weitgehend zustimmend.
    Ich habe auch deine Aufforderung zu “negativen” Selbstbezeichnungen übernommen (Wo gibts T-Shirts mit dem Aufdruck “Krawallatheist”?).
    Aber diesmal habe ich doch arge Probleme mit dem Text. Meinungsfreiheit bedeutet, dass man seine Meinung öffentlich äußern, drucken, singen, bloggen,… und auf sonstigen Kanälen verbreiten darf. Es gibt keinen Anspruch darauf dass einem auch zugehört wird! Genau dieser Anspruch wird durch das Fehlen einer “Bannmeile” aber quasi geschaffen. Es gibt nur sehr wenige, Orte für Abtreibungen, diese sind (Interessierten) bekannt. “Durch diese hohle Gasse muss sie kommen… ”

    Wenn vor der Metzgerei jemand Ekel-Videos von Massentierhaltung vorführt, kann ich, wenn ich mich nicht streiten will, wo anders Fleisch kaufen. Oder Morgen. Das geht hier nicht!
    Die Betroffenen Frauen gehen nicht zum Arzt als öffentliches politisches Statement, dass man angreifen dürfte, und sie haben auch nicht die Möglichkeit stattdessen in einen Supermarkt zu gehen, oder ein andermal wiederzukommen. Und dass man in der Situation nicht gerade auch noch Nerv für politische Diskussionen und Engagement hat ist oben bereits angemerkt worden.
    Diese Demonstranten an diesem Ort (!) schrecken Frauen in Notlagen ab, verägstigen Sie zusätzlich und sorgen im schlimmsten Falle dafür, dass die Gesundheit der Frauen ruiniert wird (durch Wegbleiben oder “Alternativen”), oder auch ihre Psyche.
    (Privat-)Personen in emotional Schwierigen Situationen sollte man nicht als individuelle Sündenböcke und PR-Gag mißbrauchen, für (vermeintliche) gesellschaftliche Schieflagen, dass geht über Meinungsfreiheit hinaus! Das ist eher Mobbing, Stalking,…

    “Demonstranten dürfen Frauen vor den Kliniken „nachstellen“, ihnen brutale Bilder von Föten unter die Nase halten und versuchen, sie davon abzubringen, ihr Kind abtreiben zu lassen. Woher kommen bloß diese Positionen von Humanisten, die immer wieder sagen, dass Gläubige nicht das tun dürften, was sie bei ihren Gegnern selbst tun?”

    Ich denke dieser Ausschnitt zeigt was ich meine:

    Abtreibende Frauen sind nicht der politische Gegner dieser Fundamentalisten, was sie tun ist persönlich. Der Gegner wären Gruppierungen und Politiker die dies legal ermöglicht haben und ermöglichen (also quasi fast die gesamte Gesellschaft).

    Wo tun Humanisten etwas Ähnliches? Stehen wir auf katholischen Begräbnissen und rufen laut “Ätsch, er kommt nicht in den Himmel, ihn fressen die Würmer!”
    Natürlich mit Plastik-Mumien, und ekligen Fotos? Bequatschen wir überhaupt Leute, die sich nicht auf eine Diskussion eingelassen haben?
    Behindern wir Menschen daran in die Kirche zu gehen? (Um es vergleichbarer zu machen: In die einzige Kirche in 50km Umkreis, in die man auch wegen Fristenregelungen Morgen nicht mehr gehen darf => Da käme dann sogar Minderheitenschutz noch ins Spiel!)

    Ich wundere mich auch über die Formulierung “Kind abtreiben”, da ich diese Emotionalisierung eigentlich nur von der Gegenseite kenne…

    Nichts für Ungut, ich bin gerne bereit selber im Namen der Meinungsfreiheit angegangen zu werden, möchte aber nicht dafür andere Menschen in mißlichen Lagen zu unfreiwilligen Märtyrern machen!

    Gruß

    Mo

     
    • derautor

      27. September 2009 at 14:33

      Man kann diesen Leuten auch einfach aus dem Weg gehen. Sie dürfen ja nicht den Eingang blockieren oder handgreiflich werden. Demonstrationen muss man außerdem anmelden und in diesem Fall wäre Polizeischutz sinnvoll.

       
  9. Stefan

    27. September 2009 at 15:20

    Ich für meinen Teil stimme diesem Artikel (wieder mal) uneingeschränkt zu. Auch Idioten sollten ihre Meiunung (auch auf idiotische Weise) kundtun dürfen.

    Und was die Schwangeren angeht, natürlich tun sie mir leid, aber es gibt bessere Wege ihnen den Gang in die Abtreibungsklinik zu erleichtern als die Redefreiheit einzuschränken.
    Gegendemonstrationen z. B. (möglichst auch vor der Klinik), oder klinikeigene Taxis, die die Patienten bis an die Eingangstür bringen. Meines Wissens nach ist es nämlich durchaus verboten auf Privatgelände gegen den Willen des Besitzers zu demonstrieren.

     
 
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