Die lieben Schergen der GBS

GBS Regionalgruppe Berlin

Mein Erznemesis, der notorische Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume, hat es gewagt, einen Blogbeitrag meiner Erhabenheit zu widmen. Nunmehr werde ich mich bis in den Tartaros herablassen, um sein schändliches Versöhnungsangebot eingehend zu begutachten. Es heißt „Plädoyer für Michael Schmidt-Salomon und die Giordano Bruno Stiftung“.

Zusammengefasst

Der Beitrag beginnt mit der Feststellung, Herr Blume sei froh, dass es die Giordano Bruno Stiftung gibt. Hierauf bezichtigt er uns der „dumpfen und geschichtsblinden Religionsverachtung“. Man könne die Natur nicht mit naturalistischen Argumenten bekämpfen. Herr Blumes Familie habe die braune und die rote „säkular-humanistische“ Diktatur durchlebt. Herr Blume bekomme Post von „atheistischen Extremisten“. Er mache sich „nicht die geringsten Illusionen über die vermeintliche Toleranz jenseits der Religionen“. Und die DDR-Demokratiesierungsgruppen „sammelten sich nicht zufällig um die Kirchen“. Herr Blume ärgert sich schließlich, dass „Personen abgewertet werden, statt sich erst einmal ordentlich mit deren Argumenten auseinander zu setzen“.

Herr Blume wundert sich nun, „dass nicht viel mehr Konfessionslose – die ja z.B. keine Kirchensteuern entrichten – bereit sind, für humanistische Einrichtungen, Werke etc. zu spenden oder zu stiften“. Die GBS helfe dabei, die breite Bevölkerung über die Naturwissenschaften aufzuklären. Michael Schmidt-Salomon fordere auch seine Anhängerschaft heraus. Wir sollten Extremisten nicht die öffentlichen Auftritte verbieten, sondern mit ihnen reden. Die Kirchen sollten der GBS dankbar sein. Herr Blume freut sich darüber, dass ich ihn meinen „Erznemesis“ genannt habe.

Die Natur ist nicht naturalistisch

Zunächst einmal ist dieses Versöhnungangebot sehr ausgewogen: Es enthält mindestens so viele Diffamierungen, wie es Lob enthält. Sehen wir uns also die Argumente näher an:

1. „Wir wissen längst, dass gerade auch Religiosität und Religionen zu einem erfolgreichen (!) Bestandteil unserer Natur(en) und Kultur(en) evolviert sind.“

Hier geht es Herrn Blume erneut um seine These, dass Gläubige mehr Kinder hätten und somit Religiosität in der Natur des Menschen liege. Ich werde nicht schon wieder aufwändig dagegen argumentieren und stattdessen auf meinen längeren Artikel über das Thema verweisen. Kurz gefasst: Wir verfügen über bestimmte Adaptionen, die uns dazu befähigen, an Götter zu glauben. Dazu gehört vor allem unsere Hypersozialität, die uns in in die Lage versetzt, uns gegenüber abwesenden Agenten wie gegenüber anwesenden Personen zu verhalten. Aus evolutionärer Perspektive ist diese Fähigkeit „nicht dazu gedacht“, dass wir uns gegenüber Agenten verhalten, die nicht nur abwesend sind, sondern die gar nicht existieren.

Wenn die persönliche Unsicherheit jedoch ein gewisses Maß erreicht hat, neigen wir dazu, uns kontrollierende, allgute Götter einzubilden, die uns helfen. Hierdurch wird die persönliche Sicherheit auf ein erträgliches Maß angehoben. Religiosität selbst ist nicht adaptiv, was man unter anderem aus aktuellen Studien von Tom Rees und Gregory S. Paul folgern kann, die aufzeigen, dass Gesellschaften mit höheren Sozialausgaben und geringerer Einkommensungerechtigkeit weniger religiös sind. Daraus folgt, dass Religiosität von sozialen Bedigungen abhängt und nicht direkt in den Genen liegen kann.

Säkular-humanistische Diktaturen?

Auch gegen diesen Einwand (Stalin und Hitler als die bösen atheistischen Tyrannen) habe ich schon unzählige Male argumentiert. Ein Auszug aus einem meiner Artikel zum Thema:

Es gibt keinen logischen Weg vom Atheismus zum Völkermord, wohl aber einen logischen Weg vom beleglosen, dogmatischen Glauben zu allen Grausamkeiten dieser Welt. Vor allem ist das der Fall, wenn die „heiligen“ Bücher der jeweiligen Religion oder weltlichen Ideologie bereits alle Legitimationen zum Mord an Un- und Andersgläubigen enthalten, wie es bei Bibel, Lenins Was tun? (Die Grundlage für die spätere bolschewistische Partei) und Koran mit Sicherheit der Fall ist. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die „Gläubigen“ ihr jeweiliges Wort Gottes mal lesen würden, sollten sie das bezweifeln.

Die heldenhaften DDR-Kirchen

Die beiden christlichen Kirchen waren die einzigen nicht-gleichgestellten Organisationen in der DDR. Das  sollte jedem sofort klarmachen, warum es kaum einen säkular-humanistischen Widerstand gab. Was den kirchlichen Widerstand angeht:

Zumindest Teilerfolge erzielte die SED-Kirchenpolitik bei Kirchenmännern, die den vermeintlichen „Kriegskurs“ der „NATO-Kirche“ im Westen verurteilten und den Kirchen in der DDR ein eigenes gesellschaftspolitisches Profil geben wollten. Sie unterstützen SED-Funktionäre bei der Isolierung konservativer Kirchenführer wie Otto Dibelius und waren bereit, kirchliche Doppelstrukturen im Osten Deutschlands aufzubauen. Eine erste Station auf diesem Weg war die Bildung einer eigenen Dienststelle unter der Leitung Manfred Stolpes im Jahr 1962.

Kirchenpolitisch wie theologisch spielten dabei die „linken“ Bruderschaften in West und Ost eine tragende Rolle. Mit Hilfe einer einseitigen Aneignung der theologischen Einsichten des Schweizer Theologieprofessors Karl Barth und einer eigenwilligen, zum Teil marxistischen Interpretation der Theologie Dietrich Bonhoeffers entwickelten sie eine theologisch qualifizierte Standortdefinition der „Kirche im Sozialismus“.

Im Jahr 1969 wurde schließlich der Kirchenbund in der DDR als eigenständige Größe und theologisch bestimmter Neuanfang gegründet. Man war bereit, in „vertraulichen Gesprächen“ die Staatsfunktionäre über personalpolitische Entscheidungen eingehend zu informieren. Das, wogegen sich die Kirchen so lange gewehrt hatten, die Bildung einer „Staatskirche“, war Wirklichkeit geworden.

Das geben Christen teils auch selbst zu:

Zunehmend hat sich die so genannte Amtskirche als „Kirche im Sozialismus“ verstanden. Sie hat sich auf eine Geheimdiplomatie eingelassen, die im damaligen Kontext notwendig erschien, heute aber offen aufgearbeitet werden muss. Störenfriede, die das vermeintlich gute Staat-Kirche-Verhältnis belasteten, wurden auf dem innerkirchlichen Dienstweg diszipliniert. Der Protestantismus wich der Anpassung.

Humanisten spenden nichts

Herr Blume wundert sich, „dass nicht viel mehr Konfessionslose – die ja z.B. keine Kirchensteuern entrichten – bereit sind, für humanistische Einrichtungen, Werke etc. zu spenden oder zu stiften.“

Die beiden Kirchen haben eine Monopolstellung im sozialen Bereich und nutzen diese, um Konkurrenten das Leben schwer zu machen und um ihre eigenen Mitarbeiter auszubeuten. Wer es genauer wissen möchte: Carsten Frerk überarbeitet gerade sein Buch zum Thema.

Ich finde zwar auch, dass die Leute vor allem der GBS mehr Geld spenden sollten (die keine Sozialorganisation ist), aber insgesamt bin ich nicht der Meinung, dass der soziale Bereich in den Händen weltanschaulicher Organisationen gleich welcher Art liegen darf. Das ist die Aufgabe des neutralen Staates. Die Kirchen schaden mit ihrem „Engagement“ (mit Privilegien viel Geld machen) sogar der Gesellschaft, wie eine neue Studie aufzeigt:

„[...] Eine konservative religiöse Weltanschauung trägt offenbar zur sozialen Dysfunktionalität bei und religiöse Sozialangebote und Wohltätigkeit sind weniger effektiv bei der Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse als säkulare Regierungsprogramme.“

Freie Rede für alle

Mit seinen Ausführungen über freie Rede gebe ich Herrn Blume recht:

Ich ärgere mich sehr, wenn ich wieder lesen muss, dass selbsternannte Aufklärer (bis in die Reihen der Politik hinein) allen Ernstes Auftritte von Eva Hermann oder Kongresse von evangelikalen Christen z.B. zum Thema Homosexualität untersagen wollen. Und ebenso daneben finde ich es, wenn Leute im Bezug auf die GBS nach dem Verfassungsschutz rufen. Was soll das!?

Eine freiheitliche Gesellschaft kann Vielfalt nicht nur ertragen, sie lebt davon! Ich glaube, dass wir linken oder rechten, religiösen oder atheistischen Extremen nicht durch Verbote, sondern durch lebendige und kreative Auseinandersetzungen immer wieder die Stirn bieten sollten – und können.

In der Tat. Auch einige GBS-nahe Gruppierungen sind freudig dabei, religiösen Fundamentalisten die freie Rede streitig zu machen (was die Fundamentalisten bei jeder Gelegenheit mit gegnerischen Gruppierungen natürlich auch versuchen). Das ist inakzeptabel. Jenseits der freien Gesellschaft ist es lediglich eine Machtfrage, wer wem etwas verbietet. Extremisten verwenden solche Verbotsaktionen nur für ihre eigene Propaganda – und das sehr erfolgreich. Freie Rede gilt für jeden, auch für Islamisten, Evangelikale und Nazis. Das gibt es für mich keine Kompromisse. Wie Voltaire sagte:

„Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis auf den Tod verteidigen.“

Mit Verbotsaktionen schwächt man die eigene Position und begibt sich auf den niedrigen Level der freiheitsfeindlichen Gegner. Ich kann dagegen aufrecht dastehen und meine Meinung so deutlich äußern, wie ich will.

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2 Kommentare Einen Kommentar hinterlassen

  1. Was mich wirklich interessieren würde, ist, warum Blume immer behauptet, er würde „forschen“.

    Blume ist – laut eigenen Angaben – Referent in der Grundsatzabteilung des Staatsministeriums Baden-Württemberg. Die Landesregierung wird geführt von der Christlich Demokratischen Union unter Günther Filbinger, äh pardon, Oettinger.

    Blume macht in erster Linie Propaganda.

    Die Schriften, die er in letzter Zeit veröffentlich hat, waren Versuche die alte Mär von der Erwählung der Christen durch den christlichen Gott mit einer modernen scheinwissenschaftlichen Mär von der Erwählung (jetzt neu: Selektionsvorteil) der Religiösen (Menschen mit Glauben an und Verhalten zu übernatürlichen Akteuren) durch die Evolution (Im Prinzip von „Gott“ gemacht) zu ersetzen.

    Bücher und Artikel zu schreiben, ein öfter umfangreich bestücktes Blog zu führen und mit Lesern zu diskutieren, sowie eine Familie zu unterhalten braucht Zeit und kostet Geld.

    Was ist eigentlich die Aufgabe eines „Referenten in einer Grundsatzabteilung eines Staatsministeriums“?

    Her Blume, klären Sie uns auf!

  2. Das ist eine sehr interessante Erwiderung auf Michael Blumes Beitrag. Ich finde ihr solltet mal zusammen ein Buch schreiben ;-)

    Ich finde das Spendenargument auch kurios. Als konfessionsloser Liberaler bin ich der Meinung, dass meine Steuern und Sozialabgaben meine Spenden sind. Der demokratisch legitimierte Staat soll über die Verteilung des Reichtums entscheiden, nicht irgendwelche Weltanschauungsinstitutionen.

    Ich selber finde Michael Blume sehr sympathisch. Mir wäre es lieber, die Medien würden ihn öfters als Gesprächspartner gewinnen, statt irgendeinen Bischof. Was mich stört ist, dass er sich zu schnell hinter dem Schutzschild des Doch-nur-forschen-wollens verbirgt. Dieses Schutzschild reißt er hoch, sobald man ihn für sein Eintreten für den (christlichen) Glauben kritisiert. Wie ein römischer Legionär fängt er mit dem Forschungsschutzschild die Kritik ab, um von unten mit seinem Kurzschwert einen weiteren Stich für die Sache des Glaubens zu führen. Mir wäre es lieber, er würde sagen: Ich stehe hier als Christ (ich kann nicht anders) und versuche gute Gründe für meinen und den Glauben anderer zu finden. Seine Objetivität kann er sich gerne für seine religionswissenschaftlichen Forschungen bewahren. Wer bloggt ist aber immer Subjekt.

    Was in den Kommentaren (nicht von Blume selbst) teilweise zu lesen ist, ist das mangelnde Niveau der Debatte, z.B. MSS sei zu populistisch. Das halte ich insofern für problematisch, als Glaubensgründe nicht argumentativ herzustellen sind. Man kann nicht einen geistreichen Disput führen, an dessen Ende ein für alle mal die Entscheidung steht, okay ab heute glaube ich oder eben nicht. Es geht darum, seine Glaubenskritik argumentativ zu unterfüttern. Glauben aus Vernunft halte ich hingegen für unmöglich.


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