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Geboren um zu glauben?

12 Sep

Geboren, um schlechte Bücher zu schreibenGlauben wir von Natur aus an Gott? Jedenfalls möchte die Templeton-Stiftung und ihr Fanclub, dass wir das glauben. Die Studien zum Thema sind allerdings entweder manipulativ oder sie wurden falsch interpretiert.

In der Times ist mal wieder ein Artikel erschienen, der uns einreden will, es wäre natürlich, an Gott zu glauben (und demnach unnatürlich, das nicht zu tun).

Atheismus könnte wirklich gegen die Natur kämpfen: Menschen wurden von der Evolution so verdrahtet, dass sie an Gott glauben. Dieser Gedanke ist das Ergebnis von Studien, die untersuchen, wie sich die Gehirne von Kindern entwickeln und wie das Gehirn während religiöser Erlebnisse funktioniert. Sie suggerieren, dass während der Evolution Menschengruppen mit religiösen Neigungen von diesen irgendwann Vorteile gewannen, vielleicht weil sie besser zusammenarbeiteten und so eine größere Überlebenschance hatten.

Der Evolutionsbiologe P.Z. Myers hat eine passende Antwort gegen diese immergleichen Tiraden im Angebot:

Ach, verpisst euch, ihr lästigen Apologeten für den Aberglauben! [...] Es könnte schon natürliche Neigungen geben, die Menschen dazu bringen, überall Agenten zu sehen und die Stammesdogmen zu akzeptieren. Na und?

Ich bin ein Atheist und das fühlt sich gut an. Ich bin kein Mutanten-Freak, der gegen seine Instinkte, gegen Radiowellen von CIA-Satelliten oder die sub-ätherischen Gesuche von daunengeflügelten Engeln ankämpfen muss.

Ich wurde auch mit einem Gehirn geboren, das Objektpermanenz extrem überraschend findet. Meine Eltern konnten “Guckguck” mit mir spielen und ich benötigte ein Jahr dafür zu bemerken, dass es kein äußerst gutmütiger Akt der Natur war, dass das Gesicht meiner Mutter noch immer existieren könnte! Hinter ihren Händen! Wenn ich nicht hinsah! Hurrah! Ha ha! Das impliziert jedoch nicht, dass ein denkender, bewusster, gebildeter Erwachsener weiterhin jedes Mal in kindisches Gelächter ausbrechen sollte, wenn er eine Tür öffnet und feststellt, dass seine Familie nicht verschwindet, wenn sie einmal nicht sichtbar ist.

Die schwach ausgebildeten Veranlagungen von Babies sind keine Hindernisse für das rationale Denken. Höchstens, vielleicht, für Erwachsene mit Gehirnen von Babies. Der Rest von uns kann diesem Blödsinn entwachsen.

Eine weitere amüsante und treffende Antwort stammt von dem britischen Philosophen A.C. Grayling. Zusammengefasst:

1. Die betroffenen Forscher übertragen die unausgebildete Psyche von Kindern auf die von Erwachsenen. Dazwischen liegt ein natürlicher Prozess der intellektuellen Reifung, während dessen wir bemerken, dass Bäume und Schatten sich nicht aus den selben Gründen so verhalten, wie das Menschen und Tiere tun.

2. Die ursprünglich am weitesten verbreitete “Religion” war der Animismus, der hinter jedem Baum und Schatten bewusste Agenten vermutete. Die “natürliche Religion” ist auf keinen Fall der Monotheismus.

3. Die Forscher behaupten, dass Kleinkinder glauben würden, jemand habe die Welt und alles darin “designed”. Die Kinder wurden in den Studien gefragt, warum zum Beispiel ein Stein spitz ist. Auf die Frage “warum” muss eine Antwort mit “weil” folgen. Warum fragen die Forscher nicht: “Was sind die Ursachen dafür, dass der Stein spitz ist?” oder “Was ist passiert, dass der Stein so spitz geworden ist?” Weil sie eine bestimmte Antwort hören wollen: Gott.

Was ich frustrierend finde ist, dass viele atheistische Wissenschaftler diese Erklärungen einfach unreflektiert übernehmen. Hoffentlich kürzt man ihnen die Fördergelder oder wirft sie in ein dunkles Verließ, wo es Einführungskurse gibt für skeptisches Denken.

 

26 Antworten zu Geboren um zu glauben?

  1. Epicurus

    12. September 2009 at 18:20

    Warum diese Aufregung? Ob Glaube einst ein evolutionärer Vorteil war ist eine interessante Hypothese. Die Beleglage dafür ist natürlich dünn. Gebe es bessere Belege als Plausibilitätsargumente, würde ich dies als ungläubiger Agnostiker als passend zu meinem Weltbild ansehen, denn schliesslich würde so überzeugend erklärt, wie etwas nicht beweisbares (Religion) derart viele Menschen bewegt: Durch einen Evolutionsmechanismus und nicht durch die Existenz von Göttern.

    Das von ihnen als passend bezeichnete Zitat, dass mit “verpisst Euch” beginnt, ist nicht nur inhaltlich ungewöhnlich dumm, sondern vom Stil auch kaum geeignet, Menschen die guten Gründe gegen Religion nahe zu bringen. In einer Diskussion würde ich mich schämen, wenn jemand, der meinen Überzeugungen nahe steht, in dieser Art argumentiert. Mir geht es nicht so sehr darum, ein paar schenkelklopfende Zustimmungen von Leuten zu erhalten, die ohnehin meinen Überzeugungen nahe stehen, sondern anders Denkende zu überzeugen. Mit solchen Sprüchen geschieht dies sicher nicht.

    Polemisch gefragt: Wollen Sie denn wirklich das kreuz.net des Atheismus sein oder, wie es im Untertitel Ihres Blogs heisst, eine Oase der Vernunft?

     
  2. yilo

    12. September 2009 at 18:24

    “Ach, verpisst euch…”

    Besser könnte ich es auch nicht formulieren.Gibt es eigentlich Bücher von P.Z. Myers?

     
  3. derautor

    12. September 2009 at 18:28

    Die These, religiöser Glaube liege in der menschlichen Natur, wurde von Tom Rees und Gregory S. Paul widerlegt:
    http://hpd.de/node/7545

    Wer sie immernoch vertritt, hat entweder keine Ahnung, oder hat eine ideologische Motivation. In beiden Fällen sollte er sich seine unqualifizierten Kommentare, die nur Schaden anrichten, ersparen.

    Der Kommentar von Myers ist inhaltlich keineswegs dumm. Überhaupt ist das eine bloße Behauptung, die Sie in keiner Weise belegen.

    Vernunft heißt nicht, dass ich mich nicht mit polemischen Mitteln gegen Unvernunft wehren dürfte. Kreuz.net wird hier nicht verlinkt.

     
    • Epicurus

      12. September 2009 at 20:13

      Fangen wir mit einer Gemeinsamkeit an, die wir haben: Wir halten beide Religion für gefährlich und nicht begründbar, wenn auch von verschiedenen Positionen aus (Sie sind Atheist, ich ungläubiger Agnostiker). Wir haben aber ein paar Meinungsunterschiede:

      1) Ich hielt den Myers-Kommentar für dumm, sie für passend. Richtig ist Ihr Hinweis, dass ich noch eine Begründung nachreichen muss: Die These war “Evolution verdrahtet Gottglaube”. In seinem Text finde ich folgende Hauptaussage: “Es könnte schon natürliche Neigungen geben, die Menschen dazu bringen”. Er widerspricht der These also nicht, sondern führt aus, diese könne eine “schwach ausgebildete Veranlagung sein” der man “entwachsen” kann. Die These ist ihm egal (“Na und?”) und er hält dagegen, dass sich sein Atheismus gut anfühlt. Dumm finde ich an der Antwort die Begründung durch sein Gefühl, die Polemik des Stils und die Gleichgültigkeit gegenüber der These, denn diese These ist wichtig: Wir müssen die Treiber der Religiösität verstehen und sie ist ein Hauptkandidat.

      2) Sie schreiben, dass man atheistischen Wissenschaftler, die solche Thesen übernehmen, die Fördergelder kürzen oder sie in ein Verliess werfen sollte, wo sie dann Schulungen unterzogen werden. Ich habe sieben Jahre an einer Universität Psychologie gelehrt und arbeite jetzt auf Seiten der Wirtschaft in der internationalen Verhaltensforschung. Ich bin ein Anhänger der freien Forschung, sie ist eine der Haupterrungenschaften der Aufklärung: Ihre Meinungsselektion durch Fördergeldersteuerung lehne ich ab. Von der römisch-katholischen Inquisition inspirierte Kerkerwünsche sollten doch gerade in Ihrem Hirn nicht mehr nisten. Ich hoffe einmal, dass war ein Scherz, oder möchten Sie so agieren (Umschulungshaft?), wenn Sie durch Zufall mal die Staatsführung übernehmen dürfen?

      3) Sie schreiben, dass wer die These “Evolution verdrahtet Religion” vertritt “keine Ahnung, oder eine ideologische Motivation” hat und solche Bemerkungen Schaden anrichten. Da wir einander wenig kennen, können Sie meine Ahnung schlecht beurteilen. Ideologie wurde jedenfalls durch 20 Jahre naturwissenschaftliche Forschung aus meinem Hirn gewaschen. Die These kann nützlich sein, da sie eine der wichtigsten Möglichkeiten ist, die weite Verbreitung von Religion naturwissenschaftlich zu erklären.

      Die Studien, die in dem von Ihnen verlinkten hpd-Artikel erwähnt werden, sind mir grösstenteils bekannt (nicht alle, daher Danke für den Link). Der Artikel ist zu lang, um hier auf alle seine Argumente einzugehen; wenn Sie eines für besonders wichtig halten, gehe ich gern darauf ein. Nur soviel (und das meinten Sie vielleicht unter Bezug auf die merkwürdige Logik von Herrn Blume mit “Schaden anrichten”): Die Aussage, dass “Evolution verdrahtet Religion” ein Beleg für die Existenz Gottes sei, ist natürlich Unfug. Sie ist besser als Argument gegen seine Existenz verwendbar. Aus ihr abzuleiten, dass Religion auch heute noch Vorteile bietet, ignoriert den aktuellen Zeitkontext: Religion kann eine Gruppe intern kooperativ und extern konfrontativ machen. Vor etlichen Tausend Jahren war die Kooperation möglicherweise ein Vorteil. In der zusammenwachsenden Welt, die wir seit fast dreitausend Jahren haben, ist der konfrontative Aspekt aber der relevantere und gefährliche. Ich vermute, hier bewegen wir uns wieder eher im Bereich einer gemeinsamen Sichtweise.

       
      • derautor

        12. September 2009 at 21:01

        “Ihre Meinungsselektion durch Fördergeldersteuerung lehne ich ab”

        Also sollte man einfach irgendwem eine bestimmte Menge Geld geben, ganz egal, was für eine Zeit- und Geldverschwendung seine Forschung ist?

        “Ich hoffe einmal, dass war ein Scherz”

        Und ich kann es gar nicht fassen, dass Sie etwas anderes für möglich halten, als dass dies ein Scherz war!

        Der Punkt ist: Religiosität ist nicht Bestandteil der menschlichen Natur, keine Adaption. Die Studien zeigen doch sehr deutlich, dass der Grad an Religiosität von der Gesundheit einer Gesellschaft abhängt. Wie sollte es also möglich sein, dass Religiosität gleichzeitig in der menschlichen Natur liegt wie etwa unser Sexualtrieb? Der Staat erhöht seine Sozialausgaben und Religiosität nimmt ab, das kann man klar beobachten. Religionsgene sind damit nicht zu vereinbaren.

        Und Myers argumentiert vor allem anhand der Objektpermanenz-Analogie, was ja Sinn der ganzen Übung ist: Wir haben vielleicht eine natürliche Neigung, hinter allem, was sich bewegt, einen Beweger zu erkennen, aber irgendwann lernt man eben, dass es nicht so einfach ist.

        Natürlich müsste man den Artikel erst lesen, auf den sich Myers bezieht und würde dann feststellen, dass er der religiösen Apologetik dient, nicht etwa dazu, aktuelle Forschungergebnisse darzustellen.

         
    • Epicurus

      13. September 2009 at 16:10

      Sie fragten “Also sollte man einfach irgendwem eine bestimmte Menge Geld geben, ganz egal, was für eine Zeit- und Geldverschwendung seine Forschung ist?” Eine gute Frage. Seit ich auf Seiten der Wirtschaft forsche, ist die Sache einfach: An den Geldern hängen Firmeninteressen. Ich unterstütze die Entwicklung von Produkten, die Menschen kaufen werden. Die Frage der Ethik liegt bei mir: Finde ich diese Produkte in Ordnung oder nicht?

      Meine Lebenspartnerin ist Professorin an einer deutschen Hochschule. Ohne in Details der Finanzierung zu gehen: Ja, da wird Leuten Geld gegeben, ohne auf Inhalte und Qualität der Forschung zu achten. Da gibt es eine Menge Mißbrauch, aber ich sehe kein besseres System. Forschungsfreiheit ist ein Grundrecht (Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes). Der Wikipedia-Artikel zum Stichwort “Forschungsfreiheit” (Abschnitt Universitäten) geht ein wenig auf die Problematik und das berühmte “Drittmittel”-Thema ein.

      Sie schreiben “Der Staat erhöht seine Sozialausgaben und Religiosität nimmt ab, das kann man klar beobachten. Religionsgene sind damit nicht zu vereinbaren.” Dahinter steht die Annahme, dass eine genetische Prädisposition auch immer verhaltensbestimmend werden muß. Dem ist nicht so. Ich teile Ihren Ausgangspunkt: Religiösität nimmt zu, wenn Lebensstandard, Bildung und Gerechtigkeit in einer Gesellschaft abnimmt.

      Es bleiben aber offene Fragen: Wer die Welt rational erklären kann, braucht bestimmte Aspekte der Religion nicht, aber warum wird jemand religiös, der dies nicht kann; warum nimmt er sein Unwissen nicht einfach hin? Warum entsteht die Tendenz an einen guten gerechten Gott zu glauben, wenn die Gesellschaft nicht als gerecht empfunden wird: Was verursacht diese Prädisposition, denn man könnte ja auch einfach sagen “die Welt ist halt schlecht”?

      Die These lautet also präziser als vorher formuliert: “Evolution verdrahtet die PRÄDISPOSITION zu Religion”. Bei jemandem, der vor etlichen tausend Jahren nachts in der Höhle hockte um vor Blitz und Unwetter Schutz zu suchen, tritt diese Prädisposition eher zu Tage als bei jemandem, der in einem sicheren Haus lebt und noch mal eben in einem Buch nachschlagen kann, wie Blitze entstehen und im Fernsehen erfährt, wie das Wetter morgen sein wird.

      Die Prädisposition, den Bereich des Nicht-Wissen mit Gott aufzufüllen, habe ich häufig in Diskussionen erlebt. Geht man an die Grenzen der Physik und Psychologie (Urknall, Qualia, etc.), so sagt ein naturwissenschaftlich geschulter Geist: “Tolle Sache, weiß ich noch nicht, dies motiviert meine Neugier und Forscherdrang, auch wenn ich dies vielleicht nie herausbekomme”. Die Mehrheit füllt das Wissensvakuum mit “das muss ein Gott gemacht haben”. Woher kommt diese Tendenz? Das ist die Stelle, wo ich das “Gottesgen” :-) vermute: Eine Prädisposition unseres Denk- und Fühlapparats.

       
      • derautor

        13. September 2009 at 17:34

        “aber warum wird jemand religiös, der dies nicht kann; warum nimmt er sein Unwissen nicht einfach hin?”

        Auch diese Frage können wir schon beantworten:

        “Menschen, die glauben, ihr Leben nicht unter Kontrolle zu haben und die sich in der Konsequenz angespannt fühlen, suchen nach externer Unterstützung, um ihre Anspannung zu verringern. Jeder Mensch hat einen bevorzugten Level an Kontrolle, den er zu erreichen sucht. Er kann sich nun entweder davon überzeugen, selbst den Ton anzugeben, oder er kann sich davon überzeugen, dass etwas anderes, etwa ein allguter Gott oder eine allgute Regierung, die Fäden in der Hand hält.”
        http://hpd.de/node/7342?page=0,1

        “Woher kommt diese Tendenz?”

        Faulheit und mangelnde Kenntnis wissenschaftlichen Denkens.

        Aber gut: Es wäre möglich, dass wir im Falle großer persönlicher Unsicherheit und bei Abwesenheit anderer Menschen dazu prädisponiert sind, an Gott zu glauben. Selbst das halte ich jedoch für unwahrscheinlich, weil eine solche Situation in unserer Jäger-und-Sammler-Zeit so gut wie nie aufgetreten sein dürfte. Es gab immer andere Menschen, da wir in kleinen Stämmen lebten. An diese würde man sich richten, wenn man sich unsicher fühlt. Dass sich die Menschen an Gott richten, ist wohl eher eine Fehlfunktion, die von der Evolution “nicht vorgesehen” war.

         
  4. Oolon Coluphid

    12. September 2009 at 19:40

    @P.Z. Myers

    Immer wieder erfrischend… :)

    2. Die ursprünglich am weitesten verbreitete „Religion“ war der Animismus, der hinter jedem Baum und Schatten bewusste Agenten vermutete. Die „natürliche Religion“ ist auf keinen Fall der Monotheismus.

    Wer hätte das gedacht? :)

     
  5. ZeroMatter

    12. September 2009 at 20:26

    @Epicurus

    Wenn die Gegenseite Argumente bringt, die vor unverschämter Dummheit nur so schäumt, dann bringt einem Höflichkeit auch keinen Deut weiter. Besonders wenn die Lebensaufgabe der Gegenseite der konstanten Verblödung, Unterdrückung und Diskrimierung von Menschen gewidmet ist. (Und dabei sind sie auch alles andere als höflich.)
    Ob so etwas geeignet ist, Gläubige zur Vernunft zu bringen, ist ja wohl nebensächlich. (Besonders da einem bei strengen Gläubigen auch die Vernunft nicht weiter hilft.)
    Es ist PZ Meyers persönliche Meinung (der ich zustimme) – und die hat er jedes Recht zu äußern.

     
    • Epicurus

      13. September 2009 at 15:40

      Das Argument der aggressiv agierenden Gegenseite, gegen die man aufgrund ihres Verhaltens ebenso polemisch-aggressiv vorgehen kann, verstehe ich natürlich. Wir haben aber heute in den westlichen Ländern die Situation, dass es wenige Strenggläubige und wenige engagierte Atheisten/Agnostiker gibt. Die Mehrheit ist oberflächlich gläubig oder ungläubig. Diese gilt es zu beeinflussen: Die Strenggläubigen erreichen Sie ohnehin nicht.

      Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Eine Fernsehdiskussion, der eine Million Zuschauer folgen. 80% der Zuschauer gehören zur oben genannten oberflächlichen Gruppe, je 10% zu den beiden anderen. Einer der Diskutierenden spricht den Text, der oben aus dem Times-Zitat stammt, ein anderer antwortet mit den Myers-Worten.

      Was geschieht? Die 10% Strenggläubigen sind empört und werden noch motivierter ihren Glauben vertreten, die 10% Ungläubige werden sich auf die Schenkel klopfen vor Lachen (“hat er es den Deppen aber mal wieder gegeben”) und die 80% werden von Stil des Myers-Zitat abgestossen. Ist damit unserer Sache ein guter Dienst getan worden? Wenn die Gegenseite polemisch wird, ist dies immer eine Chance, die unentschiedene Mehrheit zu erreichen, die solches Verhalten meist abstösst und um diese Gruppe geht es.

      Das man mit vielen Leuten nicht diskutieren kann, weiß ich natürlich. Vor drei Monaten hatte ich eine Diskussion mit einem kämpferischen Mönch, dem die Kirche zu lasch ist. Vor rund sechs Monaten hatte ich bei einem Abendessen in Kairo einen Talibansympathisanten aus Pakistan und einen strenggläubigen Moslem aus Kuwait (beide hoch gebildet) neben mir. Vor etlichen Jahren bin ich mit zwei Freunden nach einer Veranstaltung von einer Gruppe Neonazis zusammengeschlagen worden; einer dieser Freunde war übrigens Christ.

       
      • derautor

        13. September 2009 at 15:47

        Ja, gut. Mit diesem Artikel richte ich mich allerdings vor allem an Atheisten. Für die “breite Masse” habe ich eine umfangreiche Artikelreihe zum Thema geschrieben:
        http://feuerbringer.com/2009/08/01/der-religions-code-ist-geknackt/

         
      • Bebu

        13. September 2009 at 17:05

        @Epicurus
        Ich weiß ja nicht, ob sie mir ihrer pauschalen Annahme bzgl. der Polemik in solchen Diskussionen recht haben. Denn wenn ich mir so ansehe, was derzeit in den USA zum Thema Krankenversicherung abläuft, geht es dort in genau die andere Richtung. Ein Präsident, der eher höflich und sachlich versucht seine Position zu vertreten, und auf der anderen Seite eine Gruppe Volldeppen/Partikularinteressenvertreter, die mit der übelsten Polemik, Verleumdung und Demagogie eine Kampagne gegen das Krankenversicherungsprojekt fahren. Und was scheint zu passieren, wenn ich es denn richtig mitkriege? Die Sache kippt immer weiter und die Volldeppen kriegen Oberwasser.

        Deshalb: Ob man immer ruhig und freundlich sein muss, kommt wohl eher auf den Fall an. Beim Thema Religion mag dies häufig angebrachter sein. (Insbesondere solange die Kleriker immer noch grundlos einen so guten Ruf genießen.) Nur ein Zwang für Samthandschuhe besteht in meinen Augen nicht.

         
  6. ZeroMatter

    12. September 2009 at 22:44

    Auf seinem Blog schreibt der Wissenschaftler Bruce Hood, der die Studie durchgeführt hat, dass die Presse seine Thesen völlig misenterpretiert und verfremdet.
    Sein Standpunkt ist in Wirklichkeit, so meint er, ein völlig anderer, als in den Artikeln suggeriert.

    Er sagt selbst: “For example, if there is a gene for psychopathic killers that does not make it morally acceptable.”

    http://brucemhood.wordpress.com/2009/09/08/i-never-said/

     
    • derautor

      12. September 2009 at 23:13

      Bestätigt meine Aussage, dass der Artikel in der Times einen religiösen Standpunkt einnimmt – offenbar ganz im Gegensatz zu dem Wissenschaftler, auf den er sich bezieht. Die psychologischen Anlagen für den Glauben an nicht-anwesende Agenten werden aber normalerweise nicht aktiviert.

      Gregory S. Paul bringt es auf den Punkt:
      “Religion ist vor allem eine künstliche psychologische Reaktion, welche die tägliche Hilfe und den täglichen Schutz von übernatürlichen Wesen anstrebt, um Stress und Anspannung zu vermindern, die durch eine hinreichend dysfunktionale soziale und vor allem durch eine hinreichend dysfunktionale ökonomische Umwelt erzeugt werden.“
      http://www.epjournal.net/filestore/EP073984414.pdf

      Es ist schon klar, dass wir Adaptionen haben müssen, die es uns erlauben, an übernatürliche Agenten zu glauben. Doch zeigen diese Studien eindeutig, dass der tatsächliche Glaube an Gott erst unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen (hohe Einkommensungleichheit, Zivilisationskrankheiten) realisiert wird. Das ist ja eben der Grund, warum Schweden und die anderen skandinavischen Länder so ungläubig sind: Wenn der Staat die Sozialausgaben erhöht, sinkt die Religiosität.

      Der Punkt des Ganzen ist: Religiosität – Interaktion mit übernatürlichen Agenten – ist nicht adaptiv. Andernfalls wäre Religiosität der Normalfall und Atheismus wäre unnatürlich. Was Quatsch ist. Vielmehr sind die gesellschaftlichen Faktoren, die Religiosität begünstigen, unnatürlich. Der Theismus verschwindet praktisch auf einen Schlag, wenn persönliche Sicherheit gewährleistet wird.
      http://hpd.de/node/7469?page=0,2

      Hier meine umfangreiche Argumentation gegen den Adaptionismus:
      http://hpd.de/node/7545?page=0,3

       
      • H. Lektor

        14. September 2009 at 15:05

        …und was ist “natürlich” an einem Zustand persönlicher Sicherheit?
        (wenn die religiosität gebfünstigenden Faktoren (= Unsicherheitsfaktoren) unnatürlich sind, muß man sich mit der Folgeaussage die Frag gefallen lassen; oder noch besser: sich darauf eine Antwort ausdenken :-) )

         
  7. Antidogmatiker

    12. September 2009 at 22:51

    So, dann schrieb ich auch mal was.

    Also ich kann nicht verstehen, wie man an so etwas wie ein Religionsgen glauben kann, denn
    1. Ist es angesichts der großen Lernfähigkeit und Intelligenz des Menschen unsinnig alles immer zuerst direkt auf die Gene zurückzuführen.
    2. Ist Religiösität von Land zu Land unterschiedlich und hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen (wurde schon erwähnt).
    Es kann also allenfalls eine Disposition zur Religiösität geben, deren Wirkung stark von der Umwelt (einschließlich schon vorhandener Ideen) abhängt (und DIE muss es auch geben, da ein zur Rationalität programmierter Mensch niemals religiös sein könnte).
    Dass Religiösität einen Selektionsvorteil hat ist allerdings unmöglich, denn:
    Aus Bullshit folgt bekanntlich Beliebiges. Die aus Bullshit gezogenen Schlussfolgerungen sind somit nicht wahrscheinlicher als bei bloßem Raten, also nahe Null.
    Aus Richtigem dagegen folgt Richtiges und somit aus entsprechend der Faktenlage mehr oder weniger wahrscheinlich Richtigem (aber nicht ganz Falschem) mehr oder weniger wahrscheinlich Richtiges (aber nicht ganz falsches)(Wahrscheinlichkeit > Raten). Irrationalität und damit Religion liefert also weit mehr falsche Vorhersagen als Rationalität.
    Meiner Meinung nach ist die Religiösitätsdisposition deswegen entstanden, weil sie ein lokales Optimum ist (unter Steinzeitbedingungen) so ähnlich wie die Netzhaut des Wirbeltierauges.

     
    • Stefan

      13. September 2009 at 07:42

      Dass Religion einen Selektionsvorteil hat ist ja auch wirklich die dämlichste These die man in Zeiten in denen großangelegte Studien das Gegenteil (sehr, sehr) wahrscheinlich machen aufstellen kann!

      Aber auch ohne Studien…Hätte die kath. Kirche z. B. die Ablaßsteuer usw. nicht eingeführt und mit Psychoterror untermauert hätten die Leibeigenen damals ihr Geld nicht für ein Stückchen Stoff rauswerfen müssen und hätten dementsprechend einen ECHTEN Selektionsvorteil gehabt (was zu beißen zwischen die Kauknochen).

      Ich gebe zu das Beispiel ist keine Meisterleistung aber ich denke es wird ersichtlich worauf ich hinaus will!

       
      • H. Lektor

        16. September 2009 at 11:23

        haha, Luther hat mal eine Frau, die bei ihm einen Ablaßbrief kaufen wollte, nach hause geschickt und gesagt, sie solle von dem Geld lieber was zu essen kaufen :-)

        und wegen der schlußfolgerungen “rationalität vs. religion”: vielleicht sind wir da ein bißchen wie die “abergläubischen Tauben”.

        —> ich werfe einmal salz in die luft, und es regnet. wenn ich wieder regen will, werde ich wieder salz in die luft werfen.
        sofern das “Opfer” keinen zu großen nachteil bedeutet
        und das Ausbleiben des Ereignisses, für das geopfert wird, keine zu große gefahr darstellt,
        kann es sich doch um eine neutrale variation des verhaltens handeln,
        die genau darum nicht rausselektiert wird?

         
  8. itz

    13. September 2009 at 10:18

    „Religion ist vor allem eine künstliche psychologische Reaktion, welche die tägliche Hilfe und den täglichen Schutz von übernatürlichen Wesen anstrebt, um Stress und Anspannung zu vermindern, die durch eine hinreichend dysfunktionale soziale und vor allem durch eine hinreichend dysfunktionale ökonomische Umwelt erzeugt werden.“

    Die Religion hat also nur in einer dysfunktionalen/unsicheren Umwelt (also fast immer) einen Evolutionsvorteil?

    „Der Theismus verschwindet praktisch auf einen Schlag, wenn persönliche Sicherheit gewährleistet wird.“

    Also doch: Keine Atheisten in Schützengräben? :-)
    Und was ist mit dem Deismus, dem Animismus, dem Sozialismus und all den anderen Ismen?

     
    • derautor

      13. September 2009 at 12:45

      “Die Religion hat also nur in einer dysfunktionalen/unsicheren Umwelt (also fast immer) einen Evolutionsvorteil?”

      Nein, Religiosität ist eine Art psychische Fehlfunktion. Wir sind hypersoziale Tiere und können sogar mit Personen interagieren, die gar nicht anwesend sind. Diese Hypersozialität hatte einen Selektionsvorteil. Doch kann sie auch fehlfunktionieren, wenn wir uns gegenüber Agenten verhalten, die nicht nur gerade nicht anwesend sind, sondern die gar nicht existieren.

      Wenn wir uns unsicher fühlen, dann suchen wir nach menschlicher Unterstützung. Wenn keine da ist, oder aus anderen Gründen, kann das Hypersozialitätsmodul, wenn man so will, überhitzen und dann bilden wir uns Götter oder die Geister von Ahnen, etc. ein, die uns unterstützen.

       
      • H. Lektor

        20. September 2009 at 08:48

        schönschön. bleibt immernoch die frage pffen, was an einer situation von sicherheit “natürlich” sein soll?

         
      • Bebu

        20. September 2009 at 10:19

        “bleibt immernoch die frage pffen, was an einer situation von sicherheit „natürlich“ sein soll?”
        –> Unsicherheit sorgt für Stress. Stress ist langfristig ungesund für den Körper. Wäre zumindest meine Hypothese.

         
      • derautor

        20. September 2009 at 10:23

        Ja, vielleicht ist Religiosität als Bewältigungsmechanismus adaptiv.

         
      • H. Lektor

        20. September 2009 at 17:22

        “Unsicherheit sorgt für Stress. Stress ist langfristig ungesund für den Körper. Wäre zumindest meine Hypothese.”

        ja von mir aus, aber ungesund ist nicht gleich unnatürlich.
        und dass sicherheit gesünder ist als unsicherheit, bekommt mkan spätestens dann raus, wemm mensch als unsichere_r Autofahrer_in auf die A93 begibt.
        nu ist sicheres autofahren aber keine natürliche fertigkeit.

        ergo: ?

         
      • Bebu

        20. September 2009 at 19:35

        “ja von mir aus, aber ungesund ist nicht gleich unnatürlich.”
        –> Was genau verstehst du unter “natürlich” und “unnatürlich”? Und inwiefern sind diese Zustände relevant?

        “und dass sicherheit gesünder ist als unsicherheit, bekommt mkan spätestens dann raus, wemm mensch als unsichere_r Autofahrer_in auf die A93 begibt.
        nu ist sicheres autofahren aber keine natürliche fertigkeit.”
        –> Wenn du schon auf so einer emanzipierten Sprache bestehst, könntest du wenigstens so schreiben, dass man nicht erst lange herumrätseln muss, was diese _ eigentlich sein sollen.

         
  9. Bert

    13. September 2009 at 13:44

    Hier der Monotheisten-Gen Beweiss:

    A t h e i s …., verdammt ich kann es nicht aussprechen/schreiben, verdammtes Gen!

     
 
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