
Eines der merkwürdigsten Ergebnisse der aktuellen Religionsforschung lautet, dass Religion offenbar gar nicht in der Lage ist, das solidarische Verhalten ihrer Anhänger zueinander zu fördern. Wenn Religion aber nicht zur Gruppenidentitätsbildung dient, warum haben Gläubige dann ein Problem mit Atheisten?
Zu dieser Frage gibt es nun eine Masterarbeit. Dieser Studie zufolge (hier die Interpretation von Tom Rees) empfinden religiöse Menschen Atheisten als nicht vertrauenswürdig. Entsprechend waren religiöse Menschen nicht bereit, Atheisten für Jobs zu engagieren, die ein hohes Maß an Vertrauen fordern. Nach Intelligenz und Freundlichkeit wurden Atheisten bei der Jobvergabe dagegen nicht diskriminiert.
Woher kommt dieses Misstrauen? Ist es die Feindlichkeit der eigenen Gruppe gegenüber einer anderen, verstärkt durch Bibelpassagen und Predigten, die das Misstrauen gegen Atheisten bestätigten? Sind Atheisten tatsächlich weniger vertrauenswürdig, weil sie nicht von Gott überwacht werden? So zumindest lautete die herkömmliche Interpretation der meisten Forscher. Aber sie stimmt nicht.
Im dritten Experiment der Studie wurden den religiösen Studenten je ein Auszug aus dem Gotteswahn vorgelegt, in dem Dawkins argumentiert, dass Glaube unsinnig ist, ein Text über Nahrung und die Information, dass die Anzahl von Atheisten in den letzten Jahrzehnten in den USA stetig zugenommen hat und dass 20% der 18 – 25 Jährigen Atheisten sind.
Die Texte über Nahrung und über die Unsinnigkeit des Glaubens haben die Meinung der Gläubigen kaum beeinflusst. Die Information, dass viele ihrer Mitstudenten Atheisten sind, hat das Misstrauen von Gläubigen gegenüber Atheisten praktisch auf Null reduziert.
Gläubige vertrauen Atheisten also darum nicht, weil sie meinen, keine zu kennen. Für sie bilden Atheisten eine merkwürdige, fremde Gruppierung, der man nicht vertrauen kann, eben weil sie fremd ist und man entsprechend nicht einschätzen kann, was “von solchen Leuten” zu halten ist.
Dies bedeutet 1. dass Theorien, die Religiosität als Produkt der Evolution ansehen, weil sie das Vertrauen der Mitglieder einer Gruppe zueinander erhöhen würde, wahrscheinlich falsch sind. 2. bedeutet das, dass Atheisten stärker an die Öffentlichkeit treten müssen. Wir müssen zeigen, dass wir existieren und dass wir ein Teil dieser Gesellschaft sind.
Aber eine Frage stellt man sich ja schon: Warum wissen Gläubige eigentlich nicht, dass es so viele Atheisten in ihrer Gesellschaft gibt? Sowohl in den USA, als auch in Deutschland – wo es noch erheblich mehr gibt -, scheint dies vergleichsweise unbekannt zu sein. Da komme ich wieder zu meinem alten Thema zurück, nämlich dass Glaube arrogant macht. Wenn ich Studien darüber lesen kann, dass sich Atheisten und Gläubige gleichermaßen kooperativ und wohltätig verhalten, dann könnten Gläubige auch Studien darüber lesen, dass es Atheisten in ihrer Gesellschaft gibt, die normale Menschen sind wie sie. Es sei denn, sie sind zu sehr von sich eingenommen und verlassen sich lieber auf ihre Vorurteile, anstatt sich für die Realität zu interessieren. Dabei gehen sie sogar so weit, lieber Atheisten bei der Arbeitsplatzvergabe zu diskriminieren, anstatt sich darüber zu informieren, wie viele Atheisten es gibt und wie sie tatsächlich sind.









Linus (ex)Heilig
4. September 2009 at 07:51
“Eines der merkwürdigsten Ergebnisse”
Eher merk würdig. Der Beitrag bekommt von mir einen goldenen Rahmen. Er erklärt, woran die Zusammenführung (Synkrasie) von Theorie (Glaube) und Praxis (Realität)scheitert und warum Information (Klasse statt Masse)so wichtig ist. Für Autoritäten gilt Wissen ist Macht, für Mitläufer und Untertanen gilt Nichtwissen macht auch nichts. Wenn das Wissen gläubig daherkommt, habe ich ein Autoritätsproblem.
Bert
4. September 2009 at 12:51
Hallo, ich kann die vorgebrachten Argumente nachvollziehen, meine aber zusätzlich, daß die Theisten sich von den Atheisten “fürchten”, d.h. man müht sich ab, befolgt (fast) alle Gebote, hofft und bangt, hat Angst vor dem da oben und da ist so ein Atheistder das alles belächelt und vor allem keine Angst hat, das verunsichert im Glauben. Wenn es diese Atheisten nicht gäbe, verleugnet oder auf dem Scheiterhaufen, so währe man unter sich und würde nicht verunsichert und gezwungen würden nachzudenken.
Das war natürlich nicht wissenschaftlich, aber nach meinen langjährigen Eindrücken.
HFRudolph
4. September 2009 at 13:02
Sehr guter Artikel.
Der eine Punkt ist, dass vertrauenswürdige und nette Personen sich zu ihren Auffassungen bekennen und der zweite Punkt ist, dass wir die Fowid-Daten transportieren müssen: Die können in fast jeden gesellschaftlich relevanten Bezug eingebaut werden.
olyly
4. September 2009 at 14:51
Es wird auch wohl damit zu tun haben, dass Gläubige viel zu sehr mit dem Huldigen und Dienen ihrer Gottheiten beschäftigt sind, als dass sie den Menschen neben sich als solchen erkennen.
Br. Manfred
4. September 2009 at 18:09
Ich finde es etwas zu allgemein.
Viele meiner Freunde sind Atheisten. Aber Atheisten sind eben auch nicht alle gleich. Ich als Christ habe natürlich Vertrauen zu meinen atheistischen Freunden.
Fremden gegenüber ist aber schon so, dass ich mich zumindest freue, wenn mein Gegenüber meinen Glauben teilt. Da werde ich schneller “warm”.
Was mich an Atheisten zum Misstrauen bringt, ist wenn sie in Diskussionen die Objektivität und eigentlichen Überblick für sich pachten. Dann ist egal, was man sagt, weil an einem nur herum psychologisiert wird.
Außerdem werden in den letzten Jahren Christen von Atheisten zu sehr mit Islamisten verbunden. Kaum passiert irgendwo etwas schreckliches, spricht man in den Medien grundsätzlich von religiösen Fundamentalisten und dann gleich wieder von Evangelikalen… da traut man sich manchmal als Christ gar nichts mehr zu sagen, weil man denkt, dass einem die Atheisten das gleiche zutrauen, wie muslimischen Terroristen.
Liebe Grüße.
derautor
4. September 2009 at 22:19
Gut, finde ich nicht. Islamisten sind eindeutig gefährlicher als Christen, selbst als fundamentalistische Christen. Das ist ein behämmerter Vergleich, den ich nicht anstrengen würde.
Bebu
5. September 2009 at 09:28
Bin du dir da so sicher? Was ist denn mit fundamentalistischen Christen im US-Militär und privaten “Sicherheitsfirmen” (eher Söldnergruppen) wie Blackwater?
Gut, die sprengen sich nicht so effektvoll in die Luft wie mancher Islamist. Dies haben sie aber auch nicht nötig, um ihren Kreuzzug durchzuführen. Dazu gibt es ja moderne Waffensysteme…
Stefan
5. September 2009 at 14:26
Beachtenswert und unbedingt betonenswert ist dabei allerdings, dass es NICHTS am Christentum gibt, was es ungefährlicher machen würde. Im krassen Gegenteil. Auch das Christentum ist voller Hass. Wer hier ernsthaft etwas anderes denkt, soll einfach mal die Geschichte des Christentums studieren und die Bibel lesen. Es gibt rein qualitativ keinerlei Unterschied zwischen Christentum und Islam im Punkt der Gefährlichkeit. Jeder Vertreter der beiden Religionen und jeder, der einer der davon beeinflussten Kulturen nahe steht, wird Stein und Bein schwören, die jeweilige Religion sei unglaublich friedlich, nett und einfach superduper. Ja, auch ein überzeugter Moslem, selbst wenn er Islamist ist, erklärt einem lang und breit der Islam sei die Religion der Liebe und alles Böse käme vom Westen. (Christentum ist analog, nur vorzugsweise mit Nächstenliebe als spezifischen Aufhänger.) Das ist die Propaganda-Abteilung.
Darauf sollte man nicht hereinfallen. Wie gesagt, heilige Bücher lesen und die Geschichte studieren. Beides spricht definitiv nicht für die gläubige Wahnvorstellung, ganz super dufte zu sein.
Der wirklich einzige Grund, weswegen Christen (in Europa!) nichts wegbomben ist die Gesellschaft. Bereits in Amerika sieht es schon anders aus. Da bringen christliche Fundamentalisten Ärzte um, die Abtreibungen vornehmen und verüben Bombenanschläge auf Krankenhäuser, in denen Abtreibungen durchgeführt werden. Gott und ganz besonders Jesus wollen es so.
derautor
5. September 2009 at 16:04
Wenn es sowieso auf die Gesellschaft ankommt, in der Christen leben, inwiefern ist dann das Christentum inhärent besonders schlimm oder nicht schlimm? Die Interpretation der Bibel oder des Christentums allgemein scheinen von den gesellschaftlichen Bedingungen abzuhängen. Insofern ist auch der Islam nicht inhärent schlimm oder nicht schlimm, wobei man allenfalls anmerken könnte, dass es schwieriger ist, den Koran umzuinterpretieren, als es bei der Bibel der Fall ist.
Stefan
6. September 2009 at 11:45
Würdest du auch von nationalsozialistischer Ideologie sagen, sie sei nicht inhärent gefährlich? Schließlich wurden diverse Verbrechen nur früher begangen und heute lediglich von einigen wenigen Fundamentalisten. Die große Masse der Neonazis und Sympathisanten dagegen verhält sich gesetzestreu. Ja, es wird sogar dem guten, menschlichen Vorbild der Nazis in den 1930er Jahren gefolgt. Damals wurden Suppenküchen gegründet und Arme gespeist. Heute engagiert sich die NPD in der Jugendarbeit und gibt den Jugendlichen eine Perspektive. Die Frage ist nur welche. Die Antwort ist dieselbe wie bei der Jugendarbeit anderer Ideologien: die eigene. Aber glaubst du jetzt ernsthaft, nur weil den Nazis die Machtposition fehlt und dadurch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht erfüllt sind, sei die Ideologie harmlos und inhärent gut? Mindestens aber neutral?
Siehst du wenigstens die Parallele zu religiösen Ideologien? (Ideologie ist nun mal Ideologie.) Oder glaubst du, religiöse Ideologien, wenn sie die Macht inne haben, seien harmlos? Hast du irgendwas von den letzten 2000 Jahren Religionsgeschichte oder Religionsgegenwart außerhalb Europas mitbekommen? Du kannst keine Ideologie haben, die Mord und Hass in ihren Grundlagenschriften predigt, Intoleranz und Alleinherrschaft und dann ernsthaft erwarten, die Ideologie bliebe in ihrem friedlichen Underdog-Verhalten, auch wenn sie könnte, wie sie wollte.
Weil gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine Rolle spielen, seien Ideologien harmlos. Es geht doch nichts über Naivität.
derautor
6. September 2009 at 14:15
Der Punkt ist: Ideologien gedeihen nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen (hohe Einkommensungerechtigkeit, hohe Kriminalität, etc.). Außerdem verändert sich ihre Form den Bedingungen entsprechend. Die US-Evangelikalen sind zum Beispiel viel schlimmer als die meisten hier, ebenso sind die Muslime in der islamischen Welt erheblich fanatischer als die meisten in Deutschland. Also könnte man genauso die gesellschaftlichen Bedingungen ändern und ich frage mich allmählich, was Religions- und Ideologiekritik überhaupt bringt.
olyly
4. September 2009 at 22:26
Wundert Sie das wirklich, Bruder(?) Manfred?
Je mehr die Religionen an Boden verlieren, desto reaktionärer und aggressiver werden sie.
Was natürlich Mechanismen in Gang setzt, die nicht unbedingt ein friedliches Miteinander fördern.
olyly
4. September 2009 at 23:11
Doch da ist noch etwas:
Der Atheismus wird selbstbewusster und formiert sich zunehmend, was die Gläubigen gruseln läßt.
War es doch für Jahrhunderte Tradition und ihr ganz besonderes Privileg, Anders- und Ungläubige mit Absegnung oder auf Befehl “von oben” zu bekehren, unterdrücken, beherrschen und -schlimmstenfalls- zu töten.
Wenn ein Atheist richtig geurteilt und seine Natur zu Rate gezogen hat, so hat er Prinzipien, die zuverlässiger und immer menschlicher sind als die des Abergläubischen, der durch eine finstere oder schwärmerische Religion entweder zur Torheit oder zur Grausamkeit geführt wird. Niemals wird man die Einbildungskraft eines Atheisten so sehr vernebeln, daß man ihm glaubhaft macht, Gewalttätigkeiten, Ungerechtigkeiten, Verfolgungen, Morde seien tugendhafte oder rechtmäßige Handlungen.
(Paul Thiry D’Holbach)
ZeroMatter
5. September 2009 at 15:13
“Niemals wird man die Einbildungskraft eines Atheisten so sehr vernebeln, daß man ihm glaubhaft macht, Gewalttätigkeiten, Ungerechtigkeiten, Verfolgungen, Morde seien tugendhafte oder rechtmäßige Handlungen.”
Das ist ja wohl eine maßlose Übertreibung.
Atheisten können genauso idiotisch und faschistoid wie religöse Menschen sein. Nur weil man an keinen Gott glaubt, ist man ja wohl kaum erleuchtet. (höchstens einen Schritt näher dran.)
Oolon Coluphid
5. September 2009 at 15:58
ZeroMatter
5. September 2009 at 18:01
“Du hast das Zitat überhaupt nicht verstanden!”
Kannst du diese Aussage auch eventuell begründen?
olyly
6. September 2009 at 20:56
“…..und ich frage mich allmählich, was Religions- und Ideologiekritik überhaupt bringt.”
Höre ich da ein wenig Kapitulation heraus?
derautor
6. September 2009 at 20:59
Kapitulation ergibt nur Sinn, wenn eine Auseinandersetzung existiert, bei der ich eine der Parteien vertrete. Ich bezweifle aber den Wert dieser gesamten Auseinandersetzung. Um zu kapitulieren, müsste ich diesen Wert zunächst anerkennen und dann zu der Erkenntnis gelangen, dass ich nicht gewinnen kann.
Stefan
7. September 2009 at 00:09
Ich versuche es einmal mit einem anderen Beispiel. In den USA wird der relativ freie Umgang mit Waffen gerne dadurch begründet, dass Waffen keine Menschen töten, sondern nur Menschen Menschen töten. Eine Waffe tut niemandem etwas. Erst ein Mensch, der aus irgendwelchen Gründen die Waffe “missbraucht”, um einen anderen Menschen umzubringen, mordet. Das lässt sich absolut analog bei den Religionen sehen. Nur weil die Waffe gerade im Moment nicht verwendet wird, um aktiv jemanden umzubringen, wird die Waffe nicht ungefährlich. Sie bleibt, was sie ist. Dem durchschnittlichen Europäer leuchtet das bei Waffen durchaus ein. Natürlich braucht es hier wie da passende Umstände, damit Menschen leiden oder sterben. Doch auch wenn diese Umstände nicht gegeben sind, ändert sich die Gefährlichkeit der Sache nicht. Religion ist ein Risikofaktor. Genau wie eine geladene Waffe. Auch wenn sie nur in der Schublade liegt.
olyly
7. September 2009 at 07:37
Stefan, Deine Vergleiche sind sehr gut getroffen. Vor allen Dingen im Kommentar (On 6. September 2009 at 11:45).
Nach meiner Meinung hat vor allem die kath. Kirche ihre Gesinnung und Grundsätze nie geändert. Sie hat ihr gezwungenermaßen nur eine neue Fassade angepasst. Würde man die Amtskirchen nach altem Muster gewähren lassen, so glaube ich, hätten wir in Bezug auf Menschenrechte noch mittelalterliche Verhältnisse.
derautor
7. September 2009 at 10:18
Erstens finde ich den Einwand berechtigt, dass Waffen keine Menschen töten und zweitens hat das nichts mit der Frage zu tun, wie man die Religiosität reduzieren könnte und ob Religionskritik nun in irgendeiner Weise effektiv ist oder nicht.
olyly
7. September 2009 at 10:24
In welchen Zusammenhang soll ich jetzt Deinen letzten Kommentar mit meinem letzten, das Lob für Stefan, bringen?
Stefan
7. September 2009 at 13:12
Natürlich bringt eine Bibel – als Buch, das in der Ecke liegt – niemanden um. Aber es liefert Motivation und Legitimation. Das ist eine der Gefahren. Religionskritik wiederum relativiert diese Grundlage. Also natürlich bringt es “etwas”.