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Der Religions-Code ist geknackt

01 Aug

Skeptic MagazineWir können die Religion nun wissenschaftlich erklären. Leider ist das noch nicht überall angekommen. An einer aktuellen Debatte zwischen US-Skeptic-Chef Michael Shermer und Francisco J. Ayala erkennt man die Fehlerhaftigkeit alter Spekulationen.

Michael Shermer argumentiert, dass wir von Natur aus zur Religiosität prädisponiert sind.

People believe in God because we are pattern-seeking primates. [...] But we do not have a false-pattern-detection device in our brains to help us discriminate between true and false patterns, and so we make errors in our thinking.

An sich stimmt das schon. Wir suchen in der Natur nach Mustern und sicherheitshalber sehen wir auch dort Muster, wo gar keine vorhanden sind. Besser, man sieht einen Säbelzahntiger zu viel, als einen zu wenig. Inzwischen (erst seit ein paar Wochen) wissen wir jedoch, dass dies nicht, wie Shermer vermutet, der Auslöser von Religiosität ist. Es ist keineswegs der Fall, dass wir sicherheitshalber Götter sehen, obwohl keine da sind – ein solcher Mechanismus hätte keinen Vorteil für uns (Götter fressen uns nicht, Tiger schon). Götter sind nicht in erster Linie eine Fehlfunktion unserer Muster-Suchmaschinen, auch wenn dies eine  untergeordnete Rolle spielt.

The moral sentiments in humans and moral principles in human groups evolved primarily through the force of natural selection operating on individuals, and secondarily through the force of group selection operating on populations.

Die Gruppenselektion wird von Anhängern des Adaptionismus der Religiosität beständig angeführt. Aber, wie Richard Dawkins seit 40 Jahren immer wieder feststellt: Gruppenselektion existiert nicht. Ansatz der Selektion sind Gene oder Individuum, nicht die Gruppe. Vielleicht kann man im Falle der kulturellen Evolution von einer Art Gruppenselektion ausgehen (Gruppen mit besseren Waffen gewinnen Kriege), aber nicht im Falle der biologischen Evolution.

Religion was the first social institution to canonize moral principles, and God — as an explanatory pattern for the world — took on new powers as the ultimate enforcer of the rules.

Insofern wir davon ausgehen, dass soziale Insitutionen erst nach der neolithischen Revolution enstanden sind, stimmt der erste Satz sogar. Wir wissen zum Beispiel von den Sumerern, und von früheren Hochkulturen wissen wir praktisch nichts, dass sie bereits die Moral- und Gesellschaftsordnung mit ihren Göttern legitimierten. Inzwischen ist eine weltliche Institutionalisierung großteils an die Stelle der religiösen getreten, weil keine so großen Macht- und Einkommensunterschiede mehr legitimiert werden müssen. Natürlich wäre es falsch zu behaupten, dass Menschen vorher keine Moral hatten, aber Stammeskulturen benötigten einfach keine eigene Institution dafür. Bei ihnen sorgte die Gesamtgesellschaft für die Einhaltung moralischer Regeln.

Die Welterklärung ist ebenso nicht die zentrale Funktion der Religion. Wir wissen heute, dass Religiosität ein psychischer Schutzmechanismus ist, der durch persönliche Unsicherheit hervorgerufen wird und den Grad persönlicher Sicherheit künstlich stabilisiert. Shermer macht den Fehler, bereits Animismus und Magie unter “Religion” einzuordnen, aber das ist unsinnvoll.

Francisco J. Ayala argumentiert mit einer weiteren Erklärung, die nicht die Hauptrolle spielt:

Because we humans are aware of the transitory character of our existence, we develop anxiety over death. This anxiety is at least in part alleviated by religious beliefs and rituals, which give meaning to one’s own life even though life will end. Anxiety about death is further relieved in the many religions that attribute immortality to the soul, either through successive reincarnations or in the form of life beyond death.

Es ist wahr, dass der Gedanke an den Tod die Religiosität erhöht. Es ist aber nicht wahr, dass der Gedanke an den Tod Religiosität auslöst. Atheisten zeigen sich von der Todeskonfrontation unbeeindruckt, der Tod macht nicht gläubig, wie in Gott und der Tod ausführlich dargelegt.

Religiosität resultiert aus dem Eindruck, man würde keine Kontrolle über sein eigenes Leben haben. Gesellschaftlicher Hauptfaktor für Religiosität ist die Einkommensungleichheit, welche mit weiteren Faktoren stark korreliert: Kindersterblichkeit, geringe Lebenserwartung, Geschlechtskrankheiten, Teenagergeburten, Gewaltverbrechen, Korruption, psychische Störungen und Verluste in der Biodiversität. Weitere Faktoren, die Religiosität begünstigen, sind die staatliche Regulierung der Religionsgemeinschaften und eingeschränkter Pluralismus, sowie das Leben außerhalb von Städten. Im Prinzip müssen wir nur das Gegenteil von all dem machen, um den Grad an Religiosität in einer Gesellschaft zu senken.

Aus persönlicher Unsicherheit resultiert der Glaube an einen kontrollierenden Gott, was dazu führt, dass Gläubige die Evolutionstheorie oftmals ablehnen. Denn ein kontrollierender Gott muss alles in der Hand haben, darunter die Erschaffung der Welt und des Lebens.

Das bedeutet: Zuerst kommt der Glaube, dann die Welterklärung aus dem Glauben. Es ist nicht so, dass wir eine Welterklärung benötigten und darum religiös würden. Dies war in Urzeiten wahrscheinlich auch nicht so. Wir haben uns, wie die anderen Affen, so entwickelt, dass wir gut an unsere Umwelt angepasst sind. Die anderen Affen können auch jagen und sammeln, ohne eine zusätzliche Welterklärung zu benötigen. Was vor Erfindung der Landwirtschaft existierte, waren Animismus und Magie, also die Personifizierung von unbelebten Gegenständen und der Versuch, mit Worten oder Ritualen physische Wirkungen zu erzielen. Für beides sind Götter unnötig.

Wer es genauer wissen will, dem empfehle ich meine umfassende Artikelreihe zur wissenschaftlichen Erklärung der Religion:

Religion – die wissenschaftliche Erklärung:

Gott und der Tod

Religion: Die neuesten Erkenntnisse (1)

Religion: Die neuesten Erkenntnisse (2)

Religion: Die neuesten Erkenntnisse (3)

Religion: Die neuesten Erkenntnisse (4)

 

3 Antworten zu Der Religions-Code ist geknackt

  1. H. Lektor

    5. August 2009 at 21:07

    “Religiosität resultiert aus dem Eindruck, man würde keine Kontrolle über sein eigenes Leben haben.”

    Na, siehste!?

    dann wäre ja nur noch zu klären welchevon beiden illusionen die größere ist: die der Kontrolllosigkeit oder die der Freiheit :-)

     
 
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