RSS

Religion: Die neuesten Erkenntnisse (4)

31 Jul

Sind wir von Natur aus religiös, ein „Homo Religiosus“? Oder ist Religiosität sozial determiniert? Wozu ist Aufklärung dann überhaupt gut? Und wie sieht es aus mit der Macht der Ideen? Fragen über Fragen, die hier alle beantwortet werden.

Es ist alles wahr

Am 29. Juli 2009, also vor zwei Tagen, ist eine neue Studie über Religiosität im Journal for Evolutionary Psychology erschienen. Darin erfährt man, was auch in den letzten Teilen dieser Artikelreihe zu lesen war: „[...] Religion ist vor allem eine künstliche psychologische Reaktion, welche die tägliche Hilfe und den täglichen Schutz von übernatürlichen Wesen anstrebt, um Stress und Anspannung zu vermindern, die durch eine hinreichend dysfunktionale soziale und vor allem durch eine hinreichend dysfunktionale ökonomische Umwelt erzeugt werden.“

Damit sind die Ergebnisse von Tom Rees bestätigt. Der Autor, Gregory S. Paul, verantwortlich für die erste große Studie zum Verhältnis von Gesellschaft und Religiosität aus dem Jahre 2005, ergänzt, dass auch populäre Nichtreligiosität nur eine triviale psychologische Reaktion auf eine hinreichend sichere sozioökonomische Umwelt ist. Natürlich gibt es auch Atheisten, die durch philosophische Überlegungen zu ihrer Position gelangt sind, aber das ist eine Minderheit.

Außerdem wurde meine These bestätigt, dass Religion die Heilung gesellschaftlicher Wunden behindert: „[...] Eine konservative religiöse Weltanschauung trägt offenbar zur sozialen Dysfunktionalität bei und religiöse Sozialangebote und Wohltätigkeit sind weniger effektiv bei der Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse als säkulare Regierungsprogramme.“ Im Übrigen bedeutet dies auch, wie schon zuvor angedeutet, dass humanistische Sozialangebote unsere gesellschaftlichen Probleme ebensowenig lösen werden.

Weiterlesen

 

8 Antworten zu Religion: Die neuesten Erkenntnisse (4)

  1. Stefan

    1. August 2009 at 07:45

    Zum Thema Musik. Ich habe hier ja schon einmal das Buch Animal Poeta von Karl Eibl angeführt. Das möchte ich hier noch einmal kurz als Anmerkung tun. In dem Buch wird schön dargelegt, wie durch einen Stress-Lust-Mechanismus kulturelle Leistungen wie Musik, aber auch Literatur, Schauspiel, … biologisch adaptiv sein können. Da anhaltender Stress stark negative biologische Folgen hat, wirken stressreduzierende Aktivitäten über diesen Mechanismus Fitness erhöhend und sind damit evolutionär wirksam.
    Es mag sein, dass Musikalität als Nebenprodukt begonnen hat. Aber obwohl Musikalität mit der Sprachfähigkeit bzw Sprachverarbeitung zusammenhängt, gibt es dennoch eine Reihe von Unterschieden. Das ist durch ein einfaches evolutionäres Nebenprodukt nicht zu erklären. Sprachfähigkeit als Voraussetzung für Musikalität erklärt allerdings auch nicht, weshalb viele Tiere über grundlegende Musikalität verfügen. Mir persönlicher erscheint daher ohnehin viel plausibler, dass Musikalität als erstes da war und sich daraufhin schließlich Sprache entwickelte. Das erscheint zunächst vielleicht merkwürdig, da wir extrem auf unsere Sprachfähigkeit stolz und fokussiert sind. Wenn ich mir aber die Voraussetzungen für Sprache und Musik, sowie die Komplexität ansehe, dann erscheint es mir nur noch plausibler, dass man die Musik als zeitlich früher annehmen sollte.

     
  2. derautor

    1. August 2009 at 09:08

    Die EP ist oftmals zu spekulativ, wie man hier mal wieder merkt. Gesang dient bei Vögeln zur Kommunikation, insofern könnte ich mir vorstellen, dass Sprache und Musik dasselbe sein können. Aber für den Artikel ist das egal, dort geht es ja um Religiosität.

     
  3. Andreas Lichte

    1. August 2009 at 10:34

    @ derautor

    du schreibst im Artikel: “Außerdem wurde meine These bestätigt, dass Religion die Heilung gesellschaftlicher Wunden behindert …”

    Ja, warum soll man das Hier & Jetzt verändern, wenn das sowieso nur ein matter Abglanz des “Jenseits” oder der “Geistigen Welt” ist?

    Besonders krass finde ich das beim “Kastensystem” … und da sind wir wieder beim Super-Spezial-Thema Anthroposophie und Waldorfschule, aus einem Geschichtsepochenheft der 5ten Klasse:

    “Das gesamte indische Volk hatte Manu ["der Menschheitsführer"] in 4 heilige Kasten eingeteilt. Die Zugehörigkeit zu einer Kaste ergab sich aus der Reife der Menschen. Jede Kaste lebte streng von den anderen geschieden. War der Mensch während eines Erdenlebens so reif geworden, dass er aus seiner Kaste herausragte, so wurde er im nächsten Leben in einer höheren Kaste geboren.”

    siehe natürlich auch deinen Artikel:

    “Rudolf Steiner und die Anthroposophen”

    http://feuerbringer.com/2009/05/12/rudolf-steiner-und-die-anthroposophen/

     
  4. Stefan

    2. August 2009 at 07:58

    Die Frage nach der biologischen Grundlage von Musikalität und deren stammesgeschichtliche Entwicklung ist keine klassische Frage der evolutionären Psychologie, sondern viel eher eine Frage der Biologie. Auch ist “zu spekulativ” ungerechtfertigt. In der Biologie, wie in der Physik, wie überall in der empirischen Wissenschaft geht man von irgendwelchen Grundlagen aus, leitet Dinge davon ab und fragt sich, was man beobachten können müsste, wenn diese Grundlagen und Ableitungen stimmen. (Oder man geht den umgekehrten Weg.) Nur Religion und Pseudowissenschaft weiß bereits im Voraus, was “richtig” und was “wahr” ist ;)

     
  5. derautor

    2. August 2009 at 11:04

    Die Vertreter der EP haben spekulative Thesen zu laut in den Medien vertreten, nun haben sich viele der Thesen als falsch erwiesen und oftmals gerade die, unter denen die Öffentlichkeit die EP kennengelernt hat. Das war einfach eine miese PR. Die These zum Beispiel, laut der Homosexuelle Nesthüter wären, ist immernoch weit verbreitet, obwohl sie sich als falsch erwiesen hat. Warum ist vor zehn Jahren, als sie widerlegt wurde, niemand ins Fernsehen gegangen und hat das bekannt gegeben? Warum geben sie nur politisch korrekte Thesen bekannt?

     
  6. Stefan

    2. August 2009 at 13:48

    Nicht die Wissenschaftler machen das Fernsehprogramm, sondern Redakteure. Dein Zorn auf die Evolutionspsychologie ist eigentlich ein Zorn auf die Medien. Die Fragen beantworten sich damit von selbst. Denn selbstverständlich wurden die Vorgänge und Ergebnisse bekannt gegeben und publiziert. Aber dass Redakture Wissenschaft ausgesprochen selektiv Zeit einräumen und das mit Abstand meiste aus welchen Gründen auch immer für uninteressant oder nicht sendenswert halten, das kann man nicht den Wissenschaftlern vorwerfen. Was würdest du eigentlich sagen, wenn ich den Fernseher einschalten würde, nichts von deinem sprachwissenschaftlichen Bereich sehen und dann laut behaupten würde, womit du dich beschäftigst, das sei “offensichtlich” völlige Zeit- und Geldverschwendung, die keinerlei Nutzen und keinerlei Ergebnisse oder Wissen brächte? Der Medienbetrieb ist eben nicht der Wissenschaftsbetrieb.

     
  7. derautor

    2. August 2009 at 14:16

    “wenn ich den Fernseher einschalten würde, nichts von deinem sprachwissenschaftlichen Bereich sehen”

    So ist es ja auch. Allerdings studiere ich vor allem Literatur. Sprachwissenschaft ist auf eine extreme Weise etwas für “Eingeweihte”, dabei wäre es zum Teil sehr wichtig für die Öffentlichkeit, gerade der Bereich Sprache und Politik.

    “womit du dich beschäftigst, das sei “offensichtlich” völlige Zeit- und Geldverschwendung”

    Das sage ich über die EP ja gar nicht. Es ist eine Wissenschaft wie jede andere, mit dem Unterschied, dass viele ihrer populären Vertreter (Steven Pinker, Jared Diamond) in ihren eigenen Büchern mit halbgaren Thesen um sich geworfen haben. Das sollte man vor allem dann unterlassen, wenn es um die menschliche Natur geht, was die beiden am ehesten selbst bestätigen würden.

     
  8. Stefan

    3. August 2009 at 06:08

    Na gut, ich habe jetzt einmal Steven Pinker und Jared Diamond gegoogelt, da mir diese Namen in Forschungspapern noch nie begegnet sind. Diamond, Professor für Geographie, gibt auf seiner Webseite Geographie, menschliche Gesellschaften und Biogeographie als Forschungsinteressen an. Er publiziert wissenschaftlich aber zumindest auch mit Bezug zur Evolution. Das ist schon mehr als man von Pinker sagen kann. Denn dessen Publikationsliste ist ziemlich eindeutig (http://pinker.wjh.harvard.edu/articles/index.html): wissenschaftliche Publikationen drehen sich ausschließlich um Sprache, während die Veröffentlichungen über Evolution und Evolutionspsychologie populärwissenschaftliche Darstellungen in nicht-wissenschaftlichen Magazinen und Zeitungen sind. Das erklärt zweierlei. Erstens, warum die beiden von außerhalb als Vertreter der evolutionspsychologischen Forschung erscheinen. Und zweitens, warum deren Aussagen nicht auf der Höhe der evolutionspsychologischen Forschung sind und auch nicht wissenschaftlich fundiert sind. Daraus den eigentlichen Forschern der Disziplin einen Strick drehen zu wollen, das ist aber … unredlich. Schließlich kann jeder über alles Bücher schreiben, wenn er will.

     
 
Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 103 other followers