NS-Deutsch

Gott mit uns?Mein ungemein spannendes Projekt, das Zeug zu bloggen, das ich lernen muss, geht in die zweite Runde! Diesmal könnt ihr etwas erfahren über die Sprache des Totalitarismus anhand der Nazis. Es geht auch um den grauseligen „Atheismus“ des Führers, um seinen „felsenfesten Glauben“, „Herrgott“ und um den „Schicksalskampf“…

Totalitäre Regierungen versuchen sich allesamt an einem Projekt, das sich „Sprachlenkung“ nennt. Per Sprachlenkung wird versucht, bewußt und zielgerichtet auf gesellschaftliche Kommunikationssysteme Einfluss zu nehmen, um eine wünschenswerte Veränderung herbeizuführen oder zu unterstützen bzw. eine nicht wünschenswerte Veränderung zu verhindern oder zu verzögern. Mit anderen Worten wollen totalitäre Regierungen das Verhalten der Menschen beeinflussen, indem sie ihre Sprache kontrollieren!

NS-Sprech

Als Beispiel zunächst ein Zitat Adolf Hitlers über sein Ideal einer deutschen Jugend:

„Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das Erste und Wichtigste. Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir meine Jugend. Aber Beherrschung müssen sie lernen. Sie sollen mir in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen.“

An diesem unerträglichen Gesülze ist zunächst einmal die Umwertung von Wörtern zu erkennen: Die Adjektive „gewalttätig“, „herrisch“, „grausam“ und das Substantiv „Raubtier“ werden positiv umgewertet. Derweil erhält das substantivierte Adjektive „Zärtliches“ (und das Adjektiv „intellektuell“) auf einmal eine negative Bewertung. Was wohl die Freundinnen der Hitlerjugend dazu gesagt haben? Die Substantive  „Pädagogik“, „Erziehung“ und sogar „Wissen“ erfahren hier eine deutliche Bedeutungsverengung. Im Prinzip geht es nur noch um die Heranzüchtung folgsamer, harter Kerle und nicht mehr um die Menschenbildung im Sinne der Aufklärung.

Das Adjektiv „frei“ ist ein sogenanntes „Miranda“, ein positiv konnotiertes Symbolwort aus der Ideologiesprache (ja, auch Freiheit ist ein weltanschaulich gebundenes Ideal!). Hineingeworfen werden auch Hochwertwörter aus der Allgemeinsprache wie die Adjektive „stark“ und „schön“. Bei Hitlers „Ordensburg“ könnte man von einer „Rekodierung“ sprechen, das Wort bedeutet also auf einmal etwas ganz anderes, nicht mehr die Burg eines religiösen Ordens, sondern ein Trainingslager für die NS-Jugend.

Ein weiteres Beispiel ist Hitlers Silvesteransprache vom 31.12.1944:

„Nur der Jahreswechsel veranlaßt mich heute, zu Ihnen, meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen, zu sprechen. Die Zeit hat von mir mehr als Reden gefordert. Die Ereignisse der hinter uns liegenden zwölf Monate, besonders aber der Vorgang des 20. Juli, haben mich gezwungen, meine ganze Aufmerksamkeit und Arbeitskraft der einzigen Aufgabe zu widmen, für die ich seit vielen Jahren lebe: dem Schicksalskampf meines Volkes. Ich möchte am Ende dieses Jahres nun all den unzähligen Millionen meiner Volksgenossen als der Sprecher der Nation und in diesem Augenblick auch als der Führer ihres Schicksals aus übervollem Herzen danken für alles, was sie erlitten, geduldet, getan und geleistet haben, den Männern und den Frauen bis hinunter zu unseren Kindern in der HJ, in den Städten und Marktflecken, in den Dörfern und auf dem Lande.

Ich möchte sie bitten, auch in Zukunft nicht zu erlahmen, sondern der Führung der Bewegung zu vertrauen und mit äußerstem Fanatismus diesen schweren Kampf für die Zukunft unseres Volkes durchzufechten. Im übrigen will ich Euch, meine Volksgenossen, so wie in den langen Jahren des Ringens Ungemach, auch heute aufs Neue versichern, daß mein Glaube an die Zukunft unseres Volkes unerschütterlich ist. Wem die Vorsehung so schwere Prüfungen auferlegt, den hat sie zu Höchstem berufen. Es ist daher meine einzige Sorge, mich abzumühen, um das deutsche Volk durch diese Zeit der Not hindurchzuführen und ihm damit das Tor in jene Zukunft zu öffnen, an die wir alle glauben, für die wir kämpfen und arbeiten. Ich kann diesen Appell nicht schließen, ohne dem Herrgott zu danken für die Hilfen, die er Führung und Volk hat immer wieder finden lassen, sowie für die Kraft, die er uns gegeben hat, stärker zu sein als die Not und Gefahr. Wenn ich ihm dabei auch danke für meine eigene Rettung, dann nur weil ich glücklich bin, mein Leben damit weiter in den Dienst meines Volkes stellen zu können. In dieser Stunde will ich daher als Sprecher Großdeutschlands gegenüber dem Allmächtigen das feierliche Gelöbnis ablegen, daß wir treu und unerschütterlich unsere Pflicht auch im neuen Jahr erfüllen werden, des felsenfesten Glaubens, daß die Stunde kommt, in der sich der Sieg endgültig dem zuneigen wird, der seiner am würdigsten ist, dem Großdeutschen Reiche.“

Das Miranda und Bestimmungswort (wird häufig verwendet, dient der Identifikation) „Volk“ sticht gleich ins Auge. Ein damals gemeinhin positiv wahrgenommenes Symbolwort der Ideologiesprache. Die Determinativkomposita „Schicksalskampf“ und „Volksgenossen“ erfüllen eine integrative Sprachfunktion, mit anderen Worten soll hier ein Gemeinschaftsgefühl und eine Identifikation mit einer bestimmten Gruppe erzeugt werden. „Fanatismus“ und „Kampf“ sind positiv umgewertet. „Gelöbnis“ ist ein Archaismus, ein Wort, das eigentlich kaum noch verwendet wurde. Die Nazis haben veraltete Wörter oft wieder aufgekocht.

Superlative wie „würdigst“ dürfen natürlich nicht fehlen, so auch Hochwertwörter wie „unerschütterlich“, „treu“ und „Zukunft“. Die Nazis verwendeten gerne Nominalisierungen wie „Führung“ statt „führen“ und „Rettung“ statt „retten“. Initialwörter wie „HJ“ dienten der Sprachökonomie, also dem schnellen Sprechen, anstatt dass man immer „Hiterjugend“ sagte. Außerdem sind Akronyme wie Gestapo und NSDAP schön „zackig“.

„Endgültig“ und „unerschütterlich“ sind semantische Superlative, die inhaltlich den Superlativ ausdrücken. Wir finden auch superalativische Zahlenangaben wie „unzählige Millionen“ und Reihungen wie „kämpfen und arbeiten“, „Not und Gefahr“, die einem die Botschaft einhämmern sollten.

Besonders auffallend an der Rede ist die religiöse Sprache (so viel zu dem „atheistischen Nazi-Regime“ von Kardinal Meisner…). In der Forschung spricht man vom „Missbrauch“ religiöser Begriffe und von religiösen „Metaphern“. Das halte ich für falsch. Wenn Hitler von „Vorsehung“, „Schicksalskampf“, vom „Allmächtigen“ und vom „Herrgott“ spricht, sowie vom „felsenfesten Glauben“, dann meint er das keineswegs metaphorisch und er „missbraucht“ auch nicht diese Begriffe, für die es gar keinen normalen „Gebrauch“ gibt, sondern eben nur den Missbrauch. Nein, Hitler glaubte daran, der Erlöser des deutschen Volkes („Führer ihres Schicksals“) zu sein und Jesus Projekt vom Kampf gegen die Juden fortführen zu müssen. Er glaubte, die Arier wären im Sinne der Vorsehung dazu auserkoren, über die anderen Rassen zu herrschen. Der „Fanatismus“ und der „felsenfeste Glauben“, die er einfordert, bezeichnen tatsächlich den religiösen Fanatismus, nach dem das klingt. Die Deutschen sollten glauben, wenn nötig bis zum bitteren Ende.

Wie bezeichnend, dass uns die Großkirchen als Gegenmittel gegen diesen grausigen „Atheismus“ den unbedingten Glauben an die eine und einzige Wahrheit empfehlen. Unter Adenauer wurden die Großkirchen, die Nazi-Kollaborateure und Nazi-Nutznießer, auf einmal zum heldenhaften Gegenpol der Nazis umgedeutet. Dies gelang unter Berufung auf einzelne, von der Kirche teils dafür verstoßene, Priester.

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3 Kommentare Einen Kommentar hinterlassen

  1. Hmm, zum Thema Nazis und Kirchen würde ich dir „Persilscheine und falsche Pässe“ von Ernst Klee empfehlen. Er beschreibt recht eindrucksvoll wie wenig den beiden Großkirchen im, besonders jedoch nach dem 2. Weltkrieg am Antifaschismus/ der Denazifizierung gelegen war.

    Im Grunde geht es meist darum wie kirchliche Organisationen Nazi – Größen halfen sich ihrer gerechten Bestrafung zu entziehen.

  2. wunderbarer Artikel!
    Nicht nur totalitäre Regime versuchen die Sprache zu kontrollieren: bestes Beispiel, dass das auch in einer Demokratie klappt ist doch, dass die Bundeswehr in Afghanien keinen Krieg führt.

  3. Oder der Irak-Krieg schon – hm, vor wievielen Jahren war das? – gewonnen wurde.


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