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Sprache und Ideologie

05 Jul

Bushiges Neusprech

Da ich gerade eine Menge Sprachwissenschaft zu lernen habe und mir die Zeit zum Bloggen fehlen würde, habe ich mir einen grandiosen Kompromiss ausgedacht: Ich blogge einfach das Zeug, was ich lerne und lerne es zu selben Zeit und ihr lernt auch noch was dazu! Diesmal geht es um Sprache, Ideologie, sowie das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit. Ich schreibe es auch allgemeinverständlich und unterhaltsam…

Im Verlaufe dieser Reihe wird vielen gewiss auffallen, dass das Gebiet der Sprachwissenschaft, das sich mit Sprache in der Politik befasst, sagen wir, auf eine wissenschaftliche Weise zynisch ist. Das beginnt schon mit der Definition von politischer Kommunikation: “Die Kunst, im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen”. Die eigentliche Politik findet hinter verschlossenen Türen statt. In die Öffentlichkeit dringt nur das Gerede, das Menschen dazu bringen soll, einer bestimmten Politik zuzustimmen und eine bestimmte Partei zu wählen.

Der Begriff Ideologie wird nicht im Sinne einer Politreligion wie dem Stalinismus verstanden, sondern meint in diesem Forschungsbereich einfach neutral “Weltbild”, respektive die Wertvorstellungen und Denkmuster einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung oder Gesellschaftsordnung. Ein solches Weltbild kann gut oder schlecht begründet sein, es läuft so oder so unter dem Begriff Ideologie. Nun manifestieren sich Ideologien als Bewusstseinstatsachen in der Sprache. Das heißt, dass wir die Weltbilder aus unseren Köpfen sprachlich zum Ausdruck bringen, gerade in der Politik aus dem Grunde, um andere von diesen zu überzeugen. Dem ideologischen Sprachgebrauch kommt daher, wen wundert’s, in der Politik eine besondere Bedeutung zu.

Nun gibt es zwei grundlegende Zeichenmodelle, wobei eines das andere abgelöst hat. Laut dem repräsentationalen Zeichenmodell, das dem “absolut wahren” Marxismus-Leninismus entstammt, bilden sprachliche Zeichen direkt die Wirklichkeit ab. Wenn also Frau Merkel sagt, dass sie die nach der Wahl die Steuern senken will, dann sagt sie das, weil sie wirklich nach der Wahl die Steuern senken will. Das ist absolut wahr (Oder wäre es zumindest, stünde Frau Merkel im Dienste des Marxismus-Leninismus und nicht im Dienste des schändlichen Imperialismus…)!

Dem ideologischen Zeichenmodell zufolge, das heute verwendet wird, steht zwischen dem sprachlichen Zeichen und der Wirklichkeit die Ideologie. Frau Merkel will vielleicht gar nicht die Steuern senken und sagt dies nur, damit die Christdemokraten wieder gewählt werden (hier also Pragmatismus als Ideologie). Oder ein anderes Beispiel: Die Grünen sind offiziell gegen Gentechnik, weil sie “die Schöpfung bewahren” möchten. Womöglich sind die Grünen aber eher darum gegen Gentechnik, weil sie glauben, dass Genfood ihre Gene verändern würde. Und weil die Grünen sowieso technikfeindlich sind. Politische Sprache dient also nicht nur zum Ideologieausdruck, sondern auch zur Ideologieverschleierung.

Sprache und Wirklichkeit

Politische Sprache besitzt realitätskonstituierenden Charakter. Das bedeutet, dass das Gequassel von Politikern und über Politik einen Einfluss darauf hat, wie wir die Welt wahrnehmen und schließlich, da dieses unser Handeln beeinflusst, darauf, wie die Welt ist. Anstatt über direkte Erfahrung nehmen wir die gesellschaftliche Realität über eine symbolische Sinnwelt wahr, erkennbar zum Beispiel an den abstrakten Begriffen Freiheit und Gerechtigkeit. Man kann weder Freiheit, noch Gerechtigkeit anfassen, es sind keine materiell existenten Dinge (höchstens in unseren Neuronen). Trotzdem sind sie ein Teil der Realität, weil sie sich in unseren Köpfen befinden und weil sie über diesen Umweg unser Handeln beeinflussen.

Nun gibt es drei Meinungen, wie sich Sprache und Realität zueinander verhalten. Der sprachidealistischen Auffassung zufolge determiniert Sprache die Sicht der Menschen von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wie zum Beispiel in Orwells Neusprech aus seinem Roman “1984″. Darin werden einfach alle Wörter von der Regierung gestrichen, die es ermöglichen, ihre Politik kritisch zu betrachten. Laut der sprachmaterialistischen Sicht wird unser Bewusstsein und mit diesem unser Sprechen und Handeln von den natürlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen des Menschen bestimmt.

Die dritte Meinung zu der Sache besagt, dass sich Sprache und gesellschaftliche Wirklichkeit gegenseitig bedingen. Würden wir isoliert auf einer Insel aufwachsen, hätten wir kein Wort für “Computer” oder “Auto”. Gleichsam kann Sprache auch das Denken beeinflussen. Dies werden wir besonders im Falle von Nazi- und SED-Sprech noch genauer erkennen. Zum Beispiel sprachen die Nazis von “Polykratie”, um die Demokratie zu verunglimpfen. Die Herrschaft der “dumpfen Masse” also, die wollten sie nicht (lieber ein dumpfer Führer…). Ebenso redeten sie von “Blutvergiftung”, womit sie darauf hinauswollten, dass das Arierblut schön rein und mit Perwoll gewaschen bleiben sollte, nicht “verunreinigt” durch fremde Rassen.

So viel erstmal dazu. Und der zweite Teil folgt schon bald…

 
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Geschrieben von am 5. Juli 2009 in Politik, Sprachwissenschaft, Wissenschaft

 

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