
Als hätten die Leute vom Humanistischen Verband nichts besseres zu tun, knöpfen sie sich in der neuen Ausgabe der verbandseigenen Zeitschrift “diesseits” schon wieder die Neuen Atheisten vor. Vielleicht hoffen sie, dass wir das übersehen oder ignorieren würden. Pech gehabt!
Heil und Segen dem moderaten Christentum (mal wieder)
Auf S. 17 finden wir einen Rückblick auf die Pro-Reli-Auseinandersetzung mit dem selben absurden Fazit, das schon vorher im Positionspapier von Frieder Otto Wolf zu lesen war:
“Im Bündnis Pro Ethik waren religiöse und nichtreligiöse Menschen, gesellschaftliche Organisationen und Parteien vereint. [...] Die Erfahrungen, die wir in dieser Auseinandersetzung gemacht haben, sind ermutigend. Das Potenzial sollten wir nicht verspielen, indem wir Gläubige zu „folgsamen Schafen“ und Atheisten zu „den Guten“ erklären.”
Wovon reden die da bloß? Wenn die Abstimmung eines gezeigt hat, dann wie gewaltig die Spaltung Berlins in den atheistischen Osten und den religiösen Westen ist, erster deutlich für Ethik und zweiter deutlich für Reli. Es mag wohl sein, dass der HVD mit einigen moderaten Christen zusammengearbeitet hat, aber die Zahlen beweisen eindeutig, dass man die an einer Hand abzählen kann und sie keinerlei Rolle spielten, welche den aktuellen Kurs des HVD, auf Giordano Bruno Stiftung und Neue Atheisten einzudreschen, rechtfertigen könnte (was auch so eine zweifelhafte Strategie wäre).
Auf S. 19 geht es dann gleich weiter mit Armin Pfahl-Traughbers “Thesen für eine aufgeklärte Religionskritik”, die sich der Physiker Bernd Vowinkel und ich in einer achtseitigen Stellungnahme vorgenommen haben. Natürlich wird auf die zweifelhaften Methoden von Pfahl-Traughber bei der Auswertung seiner Quellen, die wir aufgezeigt haben, nicht hingewiesen.
Auf S. 22 dann ein Bild mit Demonstranten, die ein Banner mit der Aufschrift “Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus” hochhalten. Nur für den Fall, dass jemand noch nicht gemerkt hat, dass der HVD-Vorstand links ist. Immerhin: Auf S. 41 gibt es einen kleinen Leserbrief, der meiner Position nahesteht (“Besser humanistisch tätig sein”).
Evolutionstagsfliege?
Auf S. 34 tritt endlich der “alte Verdächtige” Joachim Kahl auf, der zu den ersten deutschen Dawkins-Kritikern aus dem säkularen Lager gehört und der gut zu meiner Prägung des Begriffs “Kuschelatheist” beigetragen hat. Er schreibt: “Die Giordano Bruno Stiftung hätte besser daran getan, zunächst zu einer Beratung innerhalb des säkularen Spektrums einzuladen, statt am Aschermittwoch vorzupreschen und einen Text mit hanebüchenen Vereinfachungen und Vergröberungen der (vorwiegend virtuellen) Öffentlichkeit zu präsentieren.”
Die GBS lädt genauso zuerst das säkulare Spektrum (wie? alle?) zu einer Diskussion über stiftungsinterne Fragen ein, wie der HVD die Neuen Atheisten dazu einlädt, sich an ihrer Politik zu beteiligen. Der Verwaltungsaufwand einer solchen (geheimen) Säkularistenbefragung wäre viel zu hoch, außerdem sehe ich persönlich gar nicht ein, warum wir das tun sollten. Der Evolutionstag ist eine Aktion, die wir ins Leben gerufen haben und der man nun zustimmen kann oder eben nicht. Warum sollten wir uns mit anderen Organisationen abstimmen, um entscheiden zu können, was wir tun? Die Grünen fragen auch nicht erst die SPD um Erlaubnis, ob sie eine Aktion starten dürfen.
Kahl stellt weiter fest, die Petition richte sich “an Landesregierungen und Landesparlamente, die gerne ihre Kirchennähe hervorkehren. Angesichts dieser Zielstellung erweisen sich die agitatorische Rhetorik von Petition und begleitendem Musikvideo als ausgesprochen kontraproduktiv.” Die Petition richtet sich eben nicht direkt an Landesregierungen, sonst hätten wir sie dort eingereicht. Die Petition richtet sich an die breite Öffentlichkeit und die Landesregierungen wären gut beraten, in den zahlreichen Unterzeichnern ihr Wählerpotenzial zu erkennen. Aber gedacht ist der Evolutionstag für die Menschen in Deutschland und nicht für bestimmte Politiker. Ob man die Rhetorik mit “agitatorisch” umschreiben sollte, halte ich zudem für mehr als zweifelhaft.
Darwin, der Erlöser?
Die nächste Beschwerde richtet sich gegen “die ahistorische Überhöhung Darwins zu einer messianischen Lichtgestalt”. Wie ich das sehe, wurde diese Idee im Musikvideo wohl eher verspottet, als propagiert. Darwin als Rockstar ist nicht dasselbe wie Darwin als Messias. Kahl stört sich vor allem an dem Satz: „Letztlich sind wir erst seit der Formulierung der Evolutionstheorie in der Lage, uns in dieser Welt zu verorten.“ Er wendet dagegen ein: “Schon ganz früh haben unsere Vorfahren aufklärerisch daran gearbeitet, sich „in dieser Welt zu verorten“ “. Ja, schon klar. Aber das ist ihnen nicht gelungen, weil ihnen die nötigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse fehlten! Schon die alten Griechen kamen auf die Idee, der Menschen könnte sich aus den Tieren entwickelt haben, aber mit der heutigen Evolutionstheorie hatten diese Vorläufer praktisch nichts gemein.
Um das noch zu toppen, richtet sich Kahl nun gegen die “vulgär- und pseudodarwinistischen Behauptungen in der Petition und im begleitenden Musikvideo, die die herausgehobene Sonderstellung des Menschen im Reich des Lebendigen bestreiten. Programmatisch werden wir zu „Affen“ herabgestuft, und zwar zu „nackten Affen“.” Ich bin ebenfalls der Meinung, dass sich der Mensch durch einige relevante Eigenschaften von anderen Tieren unterscheidet, trotzdem sind wir eindeutig Affen (Trockennasenaffen) und fest im Tierreich verankert. Auch stammen wir von Affen ab, wie Prof. Thomas Junker argumentiert, schlichtweg weil der gemeinsame Vorfahre von Affe und Mensch selbst ein Affe war (was denn auch sonst?), wenn auch kein modernes, noch lebendes Exemplar.
All dies enthülle Michael Schmidt-Salomons “reduktionistischen Ansatz, der die kulturelle Evolution nicht als konstitutiv für die menschliche Art wahrhaben will.” Da würde sich Herr Kahl allerdings wundern. MSS geht als Anhänger einer bestimmten Variante der Memetik noch um einiges weiter im Bereich “kulturelle Evolution”, als ich das tun würde. Die Erkenntnisse der Soziobiologie legen tatsächlich nahe, dass es in der Regel nicht weit her ist mit dem Einfluss der kulturellen Evolution auf das menschliche Verhalten (höchstens im Sinne der Umweltabhängigkeit von Strategien im Sinne der Evolutionary Stable Strategies, wobei die Umweltbedingungen auch durch die Kultur bestimmt werden). Menschen können zwar ihr Gehirn gebrauchen, aber sieht man sich an, wie vorherberechenbar und instinktiv die allermeisten Menschen moralische Dilemmata bewerten und wie sie ihrer Veranlagung folgend politische Parteien wählen (wir neigen von unserer Natur aus entweder eher zum Liberalismus oder zum Konservativismus), müssen wir davon ausgehen, dass sie das in der Regel nicht tun.
Theistische Evolutionisten
“Es muss eingefädelt werden im klugen Bündnis mit aufgeklärten Christen, denen der Glaube an einen räumlichen Himmel längst abhanden gekommen ist und die auch sonst kein Problem mit der Evolution haben.”
Solche Christen kann man ebenfalls an einer Hand abzählen. Man kann nicht gleichzeitig an einen allguten, allmächtigen Gott glauben und die vollkommene Sinnlosigkeit der Evolution und das durch Naturkatastrophen willkürlich erzeugte Leid ernstnehmen. Warum tötet Gott 99% der Arten, die er erschaffen hat?
Die Position des theistischen Evolutionismus ist so komplett sinnlos, dass ich mit diesem Titel nur zwei englischsprachige Bücher bei Amazon finden konnte und kein deutschsprachiges. Derweil gibt es unzählige Bücher über Kreationismus und seine Spielarten.
Allmählich glaube ich, dass es keinen Zweck hat, den HVD-Vorstand auf seine Fehler hinzuweisen. Aber womöglich werden zumindest ein paar seiner Mitglieder dagegen protestieren, was die Spitze hier treibt.









H. Lektor
23. Juni 2009 at 15:28
“Menschen können zwar ihr Gehirn gebrauchen, aber sieht man sich an [...] müssen wir davon ausgehen, dass sie das in der Regel nicht tun.”
Schön gesagt.
Aeternitas
23. Juni 2009 at 15:55
Ich empfinde das auch als ziemlich idiotisch das Vereine wie der HVD und teilweise auch der IBKA sich so vehement daran stören das da ein paar neue da sind und mit ihren Aktionen das ganze Projekt namens Aufklärung in Gefahr bringen und m.E. tun sie nichts anderes, obwohl zumindest der IBKA sich langsam etwas beruhigt.
Bebu
23. Juni 2009 at 19:06
Kommt es nur mir so vor oder sind Begriffe wie “reduktionistisch” oder “Biologismus” usw. oft die verzweifelten Versuche von gekränkten Narzissten (häufig aus der “Geistes”wissenschaftlerszene) gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu rebellieren, ohne damit auch nur ein wirkliches Argument vorzutragen?
Martin
24. Juni 2009 at 11:44
Nein Bebu, da liegst Du beileibe nicht falsch. Das ist eine Variante des “Courtiers Reply”.