
Laut einer neuen Studie verstärkt das Nachdenken über den Tod die Religiosität. Die Wissenschaft ist überhaupt seit ein paar Jahren dabei, atheistische “Vorurteile” zu bestätigen, seit sie sich verstärkt mit der Erforschung der Religion befasst.
Wir sind das einzige Lebewesen, dem seine Sterblichkeit bewusst ist. Atheistische Philosophen argumentieren schon lange, dass die Furcht vor dem Tod religiöse Wunschvorstellungen von einem Nachleben erzeugt. Studien von Ara Norenzayan und Ian Hansen von der englischen University of British Columbia bestätigen diese Argumentation.
In einer der Studien bekam eine der Versuchsgruppen einen Text mit Fragebogen, der sie dazu aufrief, über den Tod nachzudenken. Die andere Gruppe bekam einen Text über Nahrungsmittel. Die Versuchsgruppe mit dem Todes-Text gab an, religiöser zu sein und stärker an Gott zu glauben als die andere Gruppe.
In einer anderen Studie wurden Teilnehmern drei verschiedene Versionen einer Geschichte über ein Kind gezeigt, die so gestaltet waren, dass sie Gedanken über Religion, Tod, oder ein neutrales Szenario auslösen sollten. Danach sollten sie einen Zeitungsbericht über eine wissenschaftliche Studie lesen, die angeblich die Wirksamkeit von Gebeten bestätigt habe (tatsächlich gibt es eine Reihe von Studien, die das Gegenteil bestätigen). Die Menschen, die man so manipulierte, dass sie über den Tod nachdachten, fanden die Studie und die Effizienz von Gebeten glaubwürdiger.
Ähnliche Studien bestätigten die Ergebnisse bei Anhängern aller möglichen Religionen: Sie gaben stets an, religiöser zu sein und mehr an Gott zu glauben, wenn sie mit dem Tod konfrontiert waren.
Nur die Nichtreligiösen und Atheisten zeigten sich unbeeindruckt von jeder Manipulation. Sie glaubten einfach nicht an ein Nachleben.
Konfrontiert man die Menschen aber mit dem Sterben, sind sie tendenziell der Meinung, dass sie das lieber möglichst schnell hinter sich bringen möchten: 60% der Briten, darunter auch viele Christen, befürworten Sterbehilfe und 52% stehen hinter dem vermuteten Konsens zur Organspende (man müsste explizit angeben, wenn man kein Organspender sein möchte und es wird in der Regel angenommen, dass man kein Problem damit hat).
Epikur sagte, dass uns der Tod nichts angeht. Der Tod ist das Nicht-Sein, während wir sind, solange wir sinnvoll von einem “wir” sprechen können. Mark Twain meinte, dass er schon Milliarden Jahre lang tot gewesen sei, bevor er geboren wurde, und dass ihn von daher die Sache nicht weiter beunruhigt. Ich finde, die beiden haben recht: Wenn wir tot sind, sind wir tot – was zählt, ist dass wir ein gutes Leben führen.









Stefan
10. Juni 2009 at 05:31
Solange wir leben, geht uns der Tod nichts an und wenn er da ist, spüren wir das nicht mehr. Das ist schon wahr, aber auch eine wenig tröstliche schwarz/weiß Sicht. Was, wenn man den Tod kommen sieht, zum Beispiel in einer ärztlichen Prognose bei einer Krebserkrankung? Was, wenn man bei vollen Bewußtsein unter Schmerzen nur noch dahinsiecht, vielleicht einen völlig abgenutzten Körper hat, mit dem “ein gutes Leben führen” nicht mehr möglich ist? Ich weiß es nicht, aber vielleicht werde ich eines Tages die Leute beneiden, die an einem Himmel glauben können. Für mich wünsche ich mir, dass mir irgendwann einfach ein gewaltiger Meteorit auf den Kopf fällt – bumms und schluss.
AndreasK
10. Juni 2009 at 08:16
“Die Versuchsgruppe mit dem Todes-Text gab an, religiöser zu sein und stärker an Gott zu glauben als die andere Gruppe.”
Das stelle ich mir grde mal vor: “Neee, wissen se, wia sind die reljiöseren. Die da hinten sind ganz klaa weniga reolijös als wia hia! Die leesn ja auch nua was übba Leemsmittel. Dat hat ja nix mit Jott zu tun, wa!”
*räusper* Hast du zufällig einen Link parat, damit man diese Formulierung in den richtigen Kontekt setzen kann? Danke im Voraus!
derautor
10. Juni 2009 at 08:35
Die Gruppen wussten nichts voneinander und sie wussten auch nicht, worüber die andere Gruppe einen Text gelesen hat und wozu der Test überhaupt diente.
Der Link zur Quelle ist jetzt oben eingebaut, hatte ich vergessen.
AndreasK
10. Juni 2009 at 09:06
Kannste nix für, steht in der Quelle ähnlich missverständlich.
Bitte für den Hinweis.
Bebu
10. Juni 2009 at 23:46
“Laut einer neuen Studie verstärkt das Nachdenken über den Tod die Religiosität.”
–> Dann bin ich wohl so sowas wie der statistische Ausreißer. Denn meine Wenigkeit denkt seit einiger Zeit regelmäßig an den Tod und das nicht nur, weil gerade vor 3 Stunden mein Hund gestorben ist (kein Witz!). Trotzdem bin ich in keinster Weise religiöser geworden. Höchstens kann ich (jetzt etwas besser) nachvollziehen, warum sich Menschen derartige Denkkonstrukte erschaffen haben.
Unter den aktuellen emotionalen Eindrücken (toter Hund) muss ich aber sagen, dass die Schaffung dieser Denkkonstrukte sich definitiv irgendwo zwischen Feigheit und Realitätsverleugnung bewegt. In gewisser Weise halte ich sie gerade sogar für selbstsüchtige Maßnahmen, die ich hiermit verachten möchte.
Denn dadurch, dass man den Tod oder einen toten Mitmenschen in dieses Jenseitsdenkkonstrukt hineinlügt, schafft man sich die realen Konsequenzen vom Hals. Man kann sich die Trauer, Angst usw., die sich oft einstellen, schneller vom Hals schaffen und sich wiederum schneller mit neuen Glückgefühlen zudröhnen…
Wirklich verachtenswert.
(Man möge mir diesen harten Worte verzeihen. Denn mein Hund war über 10 Jahre ein wichtiger Teil meines Lebens und wenn ich mich dann neben dem plötzlichen, wenn auch nicht unerwarteten, Tod auch noch mit den Illusionen von geistigen Terroristen beschäftigen muss, kriege ich im übertragenden Sinne das blanke Kotzen…)
“Ich finde, die beiden haben recht: Wenn wir tot sind, sind wir tot – was zählt, ist dass wir ein gutes Leben führen.”
–> Hmmm… ich weiß ja nicht… dem ersten Teil kann ich ja noch ganz gut zustimmen. Aber die Sache mit dem guten Leben? Vielleicht weiß ich über mögliche nicht-religiöse Begründungsvarianten einfach noch zu wenig, aber diese Ansicht hat mich bisher einfach noch nicht überzeugt.
Ich meine sicherlich… es gibt rationale Begründungsmöglichkeiten für kooperatives, altruistisches Verhalten und auch sind uns gewisse Grundzüge von ethischem Verhalten angeboren. Aber trotzdem bleibt eine Feststellung (<– irgendwie fehlt mir hier der passende Begriff) wie "ein gutes Leben führen" für mich genauso willkürlich, wie die Forderung, dass wir den "Sinn des Lebens" in den Sinnen suchen sollen oder ähnliche Dinge. Treibt man dies nämlich weit genug, ist man auch schon wieder bei der von mir vorher kritisierten Realitätsverleugnung.
Deswegen: Ich kann ja nachvollziehen, dass versucht wird eine säkulare Alternative zu den Illusionen der geistigen Terroristen aufzubauen. Aber wäre es nicht ein ganzes Stück ehrlicher und aufrichtiger, wenn man dann auf solche willkürlichen Feststellungen (<– s.o.) verzichtet?
derautor
10. Juni 2009 at 23:52
“Aber wäre es nicht ein ganzes Stück ehrlicher und aufrichtiger, wenn man dann auf solche willkürlichen Feststellungen (<– s.o.) verzichtet?"
Irgendwie musste ich das ja in einen Satz packen. Dieser Artikel handelt nun einmal nicht von naturalistischer Moralphilosophie. Der Punkt war, dass man sich auf das Leben, nicht auf den Tod konzentrieren sollte.