Moderate sind noch dümmer als Fundamentalisten

Moderate: Fanatiker auf zivilisierte Weise

Sam Harris macht sich unbeliebt, indem er argumentiert, dass moderate Religiosität noch unvernünftiger ist als Fundamentalismus. Hier der relevante Auszug aus seinem Atheistischen Manifest.

Obwohl es einfach genug ist für schlaue Leute, religiösen Fundamentalismus zu kritisieren, genießt etwas, das „moderate Religiosität“ genannt wird, noch immer großes Ansehen in unserer Gesellschaft, selbst im Elfenbeinturm. Das ist ironisch, weil Fundamentalisten dazu neigen, ihre Gehirne konsequenter zu gebrauchen, als dies „Moderate“ tun.

Auch wenn Fundamentalisten ihre religiösen Glaubensinhalte mit herausragend schlechten Belegen und Argumenten rechtfertigen, bemühen sie sich zumindest um eine rationale Rechtfertigung. Moderate dagegen tun im Allgemeinen nicht mehr, als die positiven Auswirkungen religiösen Glaubens zu zitieren. Anstatt zu sagen, dass sie an Gott glauben, weil sich bestimmte biblische Prophezeiungen bewahrheitet haben, werden Moderate sagen, dass sie an Gott glauben, weil dies ihrem Leben „eine Bedeutung gibt“.

Wenn ein Tsunami ein paar hunderttausend Menschen einen Tag nach Weihnachten tötet, dann interpretieren Fundamentalisten diese Katastrophe bereitwillig als einen Beleg für den Zorn Gottes. Wie es aussieht, hat Gott der Menschheit eine weitere verdeckte Botschaft über die Gräuel der Abtreibung, Götzendienst und Homosexualität geschickt. Ist sie auch moralisch obszön, so ist diese Deutung im Grunde vernünftig, geht man von bestimmten (aberwitzigen) Annahmen aus. Moderate dagegen weigern sich, jedwede Schlussfolgerungen gleich welcher Natur über Gott aus seinen Werken abzuleiten. Gott bleibt ein vollständiges Mysterium, eine bloße Quelle des Trostes, die kompatibel ist mit den schrecklichsten Gräueln.

Angesichts von Katastrophen wie dem asiatischen Tsunami ist die liberale Frömmigkeit dazu fähig, den salbungsvollsten und erstaunlichsten Blödsinn zu fabrizieren. Und doch ziehen Männer und Frauen guten Willens solche Leerformeln der widerlichen Moralisierung und Propheterei wahrer Gläubiger natürlich vor. Zwischen Katastrophen ist es gewiss eine Tugend der liberalen Theologie, dass sie Gnade vor Zorn walten lässt. Es lohnt sich jedoch anzumerken, dass menschliche Gnade gezeigt wird – nicht göttliche – wenn die aufgeblähten Körper der Toten aus dem Meer gezogen werden.

An Tagen, an denen tausende Kinder gleichzeitig den Armen ihrer Mutter entrissen und wie nebenbei ertränkt werden, muss die liberale Theologie als das erkannt werden, was sie ist – die gröbste Heuchelei, zu der Sterbliche fähig sind. Selbst die Theologie des Zorns ist von größerem intellektuellen Wert. Falls Gott existiert, dann ist sein Wille nicht unbegreifbar. Das einzig unbegreifbare angesichts dieser schrecklichen Ereignisse ist, dass so viele neurologisch gesunde Männer und Frauen das Unglaubliche glauben können und dies für den Gipfel der moralischen Weisheit halten.

Es ist vollkommen absurd, wenn religiös Moderate meinen, dass ein rationaler Mensch einfach darum an Gott glauben kann, weil ihn dieser Glaube glücklich macht, ihm die Angst nimmt oder seinem Leben eine Bedeutung gibt. Die Absurdität wird deutlich, sobald wir die Behauptung eines Gottes durch eine andere tröstende Vorgabe ersetzen: Nehmen wir zum Beispiel an, dass ein Mensch glauben will, dass irgendwo in seinem Garten ein Diamant von der Größe eines Kühlschranks vergraben ist.

Zweifellos würde es sich ungemein gut anfühlen, dies zu glauben. Stellen Sie sich nur einmal vor, was geschehen würde, wenn er dem Beispiel religiös Moderater folgen und seinen Glauben auf pragmatischer Basis aufrecht erhalten würde: Wenn man ihn fragt, warum er glaubt, dass da ein Diamant in seinem Garten liegt, der tausendmal größer ist als alle, die bislang gefunden wurden, dann sagt er Dinge wie: „Dieser Glaube gibt meinem Leben Bedeutung“, oder „Meine Familie und ich genießen es, Sonntags nach ihm zu graben“, oder „Ich würde nicht in einem Universum leben wollen, in dem kein Diamant in meinem Garten vergraben ist, der die Größe eines Kühlschranks hat.“ Diese Antworten sind offenbar unangemessen. Aber sie sind schlimmer als das. Es sind die Antworten eines Wahnsinnigen oder die eines Idioten.

Hier sehen wir, warum Pascals Wette, Kierkegaards Sprung des Glaubens und andere epistemologische Schneeballsysteme nicht helfen werden. An Gott zu glauben, bedeutet zu glauben, dass man selbst in einer Beziehung zu seiner Existenz steht, sodass seine Existenz der Grund für den eigenen Glauben ist. Es muss eine kausale Verbindung oder den Anschein einer solchen zwischen dem Fakt, um den es geht, und der Akzeptanz dieses Faktes durch eine Person geben. Wir sehen also, dass religiöse Glaubensinhalte in der selben Weise auf Belegen beruhen müssen, um Glaubensinhalte über die Beschaffenheit der Welt zu sein, wie alle anderen Glaubensinhalte. Trotz all ihrer Versündigungen an der Vernunft verstehen religiöse Fundamentalisten das; Moderate tun dies – fast schon laut Definition – nicht.

Sam Harris

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10 Kommentare Einen Kommentar hinterlassen

  1. der Länge wegen hab ich den Kommentar mal zu mir verlegt:

    http://wiredtale.myblog.de/wiredtale/art/6467083/

    (Zugleich eine Disputforderung)

  2. Es wird nicht auf die von Menschen ausgelösten Katastrophen hier eingegangen, weil Theisten dann einfach mit ihrem freien Willen ankommen, den uns Gott verliehen hätte. Doch warum ein allguter Gott seine Schöpfung mit Naturkatastrophen quält, das lässt sich mit keinem freien Willen rechtfertigen.

    Nun sagst du, dass Jesu Erlösung noch nicht vollendet wäre und darum die Welt voller Leid ist (was auch keine allgute Tat ist). Für mich klingt das nach reiner Fantasterei, da sich Historiker nicht einmal sicher sind, ob Jesus je gelebt hat und wenn, dann kann man es für ein gutes Stückchen unsicherer halten, dass er Gottes Sohn war. Was nun solche Details wie eine unvollendete Erlösungstat betrifft, gibt es dafür einfach gar keine Belege mehr.

    Ferner glaube ich nicht, dass die Welt oder das Ich eine Illusion ist. Es gibt keinen Grund, das anzunehmen.

    • „Es wird nicht auf die von Menschen ausgelösten Katastrophen hier eingegangen, weil Theisten dann einfach mit ihrem freien Willen ankommen, den uns Gott verliehen hätte.“
      –> Was im übrigen auch kein allzu durchdachtes Argument ist, da dieser allmächtige Gott auch Menschen hätte erschaffen können, die aus freiem Willen nur „gutes“ tun bzw. sich nur für die „gute“ Alternative entscheiden. Die Existenz eines freien Willens impliziert ja nicht automatisch, dass sich Menschen auch für „böse“ Dinge entscheiden müssen. Folglich wäre dieser allmächtige, allgütige Gott damit noch nicht aus seiner Verantwortung für das Leid befreit.

      (Dieses Gegenargument habe ich, wenn ich mich richtig erinner, in „Das Wunder des Theismus“ von Mackie gelesen. Steht da natürlich ausführlicher drin.)

  3. Ich wäre ja vor lachen fast vom Stuhl gefallen. „Ihr“ wollt „uns“ vorschreiben, wie wir die Bibel zu lesen haben um „richtige“ Gläubige zu sein, merkt es aber nicht, wenn man auf sie zurückgreift.
    Nicht ICH habe geschrieben, daß die Erlösung noch nicht vollendet wäre, sondern Paulus (Röm 8,18-25). Und was die ErlösungsTAT betrifft, so ist sie, in Kreuz und Auferstehung, vollendet. Doch ist das Heil noch nicht komplett vor dem Eschaton (und ich werde mich garantiert nicht ausgerechnet mit Dir, ehrenwerter Autor, darum streiten, wie dieses zu verstehen ist). Wie kommt es eigentlich, daß Du Dich scheinbar mehr auf Historiker (von denen noch nicht einmal sicher ist, ob sie ein Bewußtsein zwischen ihren Ohren beerrbergen), als auf Deine Vernunft verläßt?

    Daß „Theisten dann einfach mit ihrem freien Willen ankommen, den uns Gott verliehen hätte“, ist eine unbegründete Unterstellung. Irgendwelche Theisten bestimmt, aber nicht unbedingt alle (z.B. Luther: De servo arbitrio/ Vom unfreien Willen). Um genau zu sein, läßt die Idee von der freien Gnadenwahl in Verbindung mit dem sola fide gar nichts anderes zu, als das der Wille unfrei sei. Selbst wenn wir tun könnten, was wir wollen, könnten wir nicht wollen, was wir wollen. So jedenfalls schildert das Paulus (wieder Gal 5, hab mich da gerade dran festgebissen). Ich persönlich muß mittlerweile sagen, daß ich die Idee von Steiner, die Frage, „sind wir frei oder unfrei?“ sei falsch gestellt und müßt in „wie frei sind wir gerade?“ derzeit zumindest für interessant halte. – für weitergehende Aussagen ist es allerdings noch zu früh.
    - Ich will es anders tun als Du und möglichst umfassend auf Deine antwort eingehen:
    warum nun also Aufrufe zu „verantwortlichem Handeln“? – erstens gestehe ich ain, nicht anders zu können, zweitens mag ich menschliches standartverhalten nicht und agiere also dagegen und drittens: Wenn es nach eurer Aussage keinen Gott gibt, der den Menschen ihr Leid aufzwingt: Was tut ihr also gegen dieses Leid?
    womit mein nächster Schritt auf das dünne Eis der Theodizee führt. Sind Natur-“Katastrophen“ eine Qual? Unterfrage: Für wen? Die Erde als Planet kann es kaum sein, zum einen bringt sie diese hervor, zum anderen gehen wir gemeinhin davon aus, dass sie empfindungsnfähig sein, im großen und ganzen. Die Apathievermutung gilt ebenso für Pflanzen. Bleiben Tiere — Da man Deiner Meinung nach Tiere auch einfach umbringen kann, weil sie kein spezifisches Überlebensinteresse häten, nehme ich mal an, Du stimmst mir zu, daß sie von Naturkatastrophen auch nicht sonderlich gerührt sind. Das wars mit den Lebensbereichen. Ach nein, halt! Der Mensch,die kleine Welt…Nimmt sich zum einen zu wichtig. Und zum anderen kann ich nur wiederholen, was ich schon geschrieben habe: Die christliche Idee ist von anfang an bewußt damit umgegangen, daß viele „schlimme Dinge“ geschehen. Es ist ars moriendi, begründet im großen Dennoch. Das Leben ist eine Aporie und DENNOCH lassen wir uns davon nicht entmutigen. Es gibt keinen Sinn der Existenz, ob sie endlich ist oder unendlich (also ob menschlich oder göttlich — schon mal darüber nachgedacht, was es bedeutet oder bedeuten könnte, EWIG zu sein? ich möchte eigentlich nicht wirklich mit Gott tauschen), aber es gibt ein Versprechen.
    Wie kommt ihr eigentlich darauf, daß Gottes Wille begreifbar sei? Weil das in der Bibel steht? (Der Weise erforsche den Willen des HERRN“ etc.)? Diese setze beziehensich auf die moralische Unterweisung der Torah. Nicht zwangsläufig auf den gesammten Lauf der Welt. Und wer Kierkegaard heranzieht, müßte eigtl. auch erstmal mit im kritisieren, wenn Religion und Moralität leichtfertig in eins gesetzt werden.

    Daß es keinen Grund gebe, von der illusionären Natur des Ich und der Welt auszugehen stimmt – aber nur ein bißchen. Es stimmt in Alltagssituationen. Weil wir in alltagssituationen nicht denken und uns einfach auf das verlassen, was augenscheinlich funktioniert. Nun sei aber mal bitte so gut und erkläre mir den Unterschied zwischen dem Satz „wahr ist, was funktioniert“ und dem schlechhter Metaphysik entsprungenen Satz, „wahr ist, was sich durchsetzt“.
    Und was ist mit der viel zitierten neurologischen Forschung deren Ergebnisse eines angeblich darin besteht, daß relevante Hirnströme einsetzen bevor das Bewusstsein von der gleicch geschehenden Aktion in kenntnis gesetzt wird?
    Wenn alles Materie und dasbewußtsein eine Epifunktion derselben ist – was ist es dann, das ich sagt, als eine Illusion, die niemand hat?

  4. Ich möchte mich eigentlich nicht mit dir streiten. Da wir uns über diese Frage nicht einig werden, möchte ich nicht weiter darüber reden. Die Bibel ist für mich keine Autorität und ihre Aussagen haben keine Relevanz, wenn es um die Frage geht, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Du siehst das anders und so ist es nun eben.

  5. Was tun die Neuen Atheisten gegen das Leid in der Welt:
    1. Dem kritischen Rationalismus verpflichtere Aufklärung (u.a. Bekämpfung von Angst durch Erklärung der realen Sachverhalte)
    2. Das Jahrtausende alte Machtmonopol der Religionsgemeinschaften in Bezug auf Ethik und philosophische wie spirituelle Erbauung erodieren und säkulare Alternativen empfehlen.

    „Das Leben ist eine Aporie und DENNOCH lassen wir uns davon nicht entmutigen.“
    Das ist so für sich allein stehend genau die säkular-humanistische Position. Leider machen Christen dann weiter mit: „Das ist alles gar nicht schlimm, denn JESUS RETTET“.

    Unendliche Existenz stelle ich mir unerträglich (langweilich) vor. Sofern wir im Jenseits immernoch ein episodisches Gedächtnis haben, würde es früher oder später zwangsläufig keinerlei Herausforderungen mehr geben.

    Gottes Wille begreifen zu Wollen ist eine inner-theologische Idee. Atheisten merken lediglich an, dass Theologie überhaupt nur dann Sinn macht, wenn man Gott Eigenschaften zu weist – Wenn Gott Allmacht und maximale Gütigkeit nach menschlichem Maßstab (nach welchem sonst?) bescheinigt wird, ist die Theodizee nach wie ein großes Problem für die Theologie.

    Das Ich ist mit einem Computerprogramm zu vergleichen. Es spricht nichts dagegen, dass künstliche Intelligenzen eines Tages ebenfalls durch Emergenz ein Bewusstsein unserer Qualität erreichen. Unser kompliziertes Bewusstsein ist Resultat des Zusammenwirkens von unzähligen Neuronen, also genauso wie unser Körper Resultat der natürlichen Evolution, was übrigens schon Darwin richtig erkannte. Das war überhaupt das wirklich Kontroverse an seiner Theorie: Das man damit auch die Entstehung von Bewusstsein erklären konnte.

    • Wußte gar nicht, dass Camus Humanist war…
      Und „Daß das alles gar nicht schlimm ist“ hab ich nie behauptet. Bestenfalls „ist“ das alles – gar nicht.
      drittens fehlende Herausforderung…ihr immer mit eurem Fortschrittswahn…

      Was die Eigenschaftszuweisung angeht, so kann (zumindest eine christliche) Theologie durchaus auchauf sie verzichten. Sollte sie sogar. Tun wir aber nicht. – Deswegen haben wir dauernd Schlusckauf (was der Große Unterschied zum Diamanten ist).

  6. PS: KALLISTEI!

  7. Humanist ist, wie auch derautor immer wieder betont, ein relativer Begriff.
    Negative Theologie finde ich ganz sympathisch, ebenso die folklosristischer Umdeutung christlicher Rituale – so wie sie von vielen Protestanten bereits praktiziert wird. Nur leider schrecken selbst solche Super-Moderaten meist nicht vor der von Sam Harris beschriebenen Hirnakrobatik zurück.

    • …wobei dazuzusagen ist, daß die via negativa nicht erst von Protestanten erfunden wurde.


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