RSS

Der Diamond-Skandal

27 Mai

KollapsJared Diamond, Autor von einflussreichen Büchern wie “Der dritte Schimpanse” und “Kollaps”, hat Teile eines Artikels, den letztes Jahr der New Yorker veröffentlichte, einfach erfunden. Angesichts dessen, dass lebende Personen darin des Massenmords beschuldigt werden, ein herber Lapsus. Und obwohl nachgewiesen wurde, dass der Artikel größtenteils nicht den Tatsachen entspricht, redet sich Diamond einfach heraus.

Der umstrittene Artikel “Vengeance is Ours” erschien letztes Jahr in der amerikanischen Zeitung The New Yorker. Diamonds Hauptquelle, ein Fahrer aus Neu Guinea namens Daniel Wemp, erzählt darin Geschichten von Vergewaltigung, Mord und Raub, die er bei seinem Rachefeldzug gegen ein anderes Stammesoberhaupt namens Henep Isum begangen habe. Die Geschichte endet damit, dass Isum von einem Pfeil getroffen und dadurch gelähmt wird.

Laut StinkyJournalism.org, einer medienkritischen Wissenschaftsorganisation, die Forscher zum Ort des angeblichen Geschehens geschickt und nachrecherchiert hat, ist Usum nicht gelähmt, keiner der beiden Männer ist ein Stammesoberhaupt und die gewalttätigen Stammesfehden zwischen den Ombal und Handa sind ebenso erfunden. Auch geographische und historische Informationen wurden falsch wiedergegeben, was für den Geographen Diamond besonders peinlich ist. Wemp und Isum haben Jared Diamond und das Unternehmen, das den New Yorker herausgibt, nun auf zehn Millionen US-Dollar Schadensersatz verklagt.

Offenbar hat Diamond die Story aus wilden Geschichten zusammengebaut, die ihm Hup Daniel Wemp auf Diamonds Vogelbeobachtungstouren in Neu Guinea erzählt hat, angereichert mit einer ordentlichen Portion “Storytelling” und eigenen Erfindungen. Mindestens handelt es sich um das Musterbeispiel eines wirklich miesen Journalismus.

Genau das ist nun allerdings Jared Diamonds Verteidigung: Er sagt, es habe sich eben nur um Journalismus gehandelt. Ein geradezu unfassbares Statement. Das würde ja bedeuten, dass man wilde Geschichten als Fakten ausgeben darf, wenn man dem Artikel nur die “Journalismus”-Plakette anheftet. Wie echte Journalisten wissen sollten, geht das auf keinen Fall und kann im Übrigen auch sehr teuer werden.

Wie die Biologin Jessica Palmer richtig anmerkt, schadet Jared Diamond damit sowohl seinem eigenen Ruf, dem Ruf des Journalismus, als auch dem der Wissenschaft. Einfach irgendwelche Stories von einem Fahrer ohne Gegenprüfung zusammenzumischen und zwei Menschen unfassbarer Verbrechen zu bezichtigen (was sie in eine gefährliche Lage in ihrer Region gebracht hat) und dann auch noch mit einer lahmen Ausrede zu kontern, das geht alles überhaupt nicht.

Vielleicht sollte man sich auch Jared Diamonds Bücher einmal genauer ansehen.

Auf Jessica Palmers Blog hat sich ein selbstbezeichneter Umwelthistoriker (environmental historian) eingefunden, den der Skandal nicht wundert. Er wirft Diamond vor allem vor, dass er sich nicht mit der Forschungsliteratur seines (für Diamonds Bücher durchaus relevanten) Forschungsgebiets der letzten Jahrzehnte auseinandergesetzt hat.

Auch findet sich dort ein (erneut selbstbezeichneter – ob es stimmt, weiß ich nicht) Angehöriger einer der Stämme ein, die Diamond im Artikel des Massenmords bezichtigt. Er ist empört und fordert Wiedergutmachung für seinen Stamm und dessen Nachbarn.

About these ads
 
5 Kommentare

Geschrieben von - 27. Mai 2009 in Evolution, Medienkritik, Politik, Soziobiologie

 

Schlagwörter: , , , , , ,

5 Antworten zu Der Diamond-Skandal

  1. Stefan

    28. Mai 2009 at 07:51

    Schöner Beitrag! Ich finde es immer kritisch, wenn Forscher in die schreibende Zunft überwechseln. Oft ist doch Eitelkeit der eigentliche Motor oder wie beispielsweise bei dem Physiker Laughlin verletzte Eitelkeit.

     
  2. AndreasK

    28. Mai 2009 at 08:27

    Der Artikel ist wirklich gut geschrieben. Liest sich flüssig. Er zeigt, dass auch Wissenschaftler nicht immer das heere Ziel der Wahrheitsfindung vor Augen haben, sondern auch einfach mal nur die liebe Kohle. Oder Mehr Ansehen. Oder irgendwas, auf das sie sich einen können.

    Was mir allerdings im selben Zuge aufgefallen ist: Wäre Diamond ein Theologe und dies hier ein religiöses Blog – der Artikel wäre wohl nie verfasst worden ;o)

    PS: Der englische Wikipedia-Artikel zu Diamond beschreibt das Thema schon, der deutsche nicht …

     
  3. AndreasK

    28. Mai 2009 at 08:29

    Huch, dreieckige Klammern sind anscheinend doof als Textelement ;o)

    Es muss heißen “… auf den sie sich einen (ihr wisst schon) können.”

     
  4. Thomas

    29. Mai 2009 at 11:39

    Wieso ist das bei “The New Yorker” ein Skandal, was bei der Bildzeitung an der Tagesordnung ist?

     
  5. derautor

    29. Mai 2009 at 13:08

    Der New Yorker hat ein gewisses Ansehen. Jared Diamond hatte erst recht ein hohes Ansehen als Wissenschaftler.

     
 
Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 111 Followern an

%d Bloggern gefällt das: