
Laut einigen Politideologen, Pseudowissenschaftlern, Boulevardjournalisten und Stammtischphilosophen machen Killerspiele Jugendliche zu Amokläufern. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Zusammenhang zwischen Mediengewalt und realer Gewalt. Die Killerspiel-Gegner ignorieren diese Tatsache konsequent. Unterliegen sie einem Wahn?
Mediengewalt führt nicht zu realer Gewalt. Prof. Dr. Christopher Ferguson drückt das Ergebnis seiner aktuellen Meta-Analyse aller relevanten Studien von 2007 wie folgt aus: “Studien über Videospielgewalt unterstützen in keiner Weise die Hypothese, dass das Spielen gewalthaltiger Videospiele mit höherer Aggression verbunden ist.” Ferner stellt er fest: “Es ist nicht schwer zwischen Gewalt in Spielen und Realität einen Zusammenhang herzustellen, wenn man es darauf anlegt. Schließlich beschäftigen sich 98,7% der jungen Erwachsenen zu einem gewissen Grad mit Computerspielen. Ausgehend von einem schier universellen Verhalten kann man jedoch schlecht auf ein seltenes Verhalten schließen.”
Prof. Dr. William J. McGuire fast die Forschungsergebnisse zum Verhältnis von Mediengewalt und realer Gewalt allgemein so zusammen: “Es stellt sich klar heraus, dass die beobachteten Effekte überraschend schwach sind, nur ausnahmsweise statistisch signifikant und mit Effekt-Größen, die bohrende Zweifel am Kosten-Nutzen-Verhälntnis aufwerfen.” (Degen, Rolf: Lexikon der Psycho-Irrtümer, S. 209). Weiter merkt er an, dass es schon an Massenwahn grenze, mit welcher Verbortheit dennoch an diesen Trugvorstellungen festgehalten werde.
In der Tat grenzt die “Killerspiel”-Besessenheit nicht nur an Massenwahn. Sie erfüllt vielmehr alle Kriterien eines Massenwahns. Laut Wikipedia wird “Wahn” folgendermaßen definiert:
“Der Begriff Wahn repräsentiert eine Überzeugung, die
1. logisch inkonsistent ist oder wohlbestätigtem Wissen über die reale Welt widerspricht und
2. trotz gegenteiliger Belege aufrechterhalten wird, weil die persönliche Gewissheit der Betroffenen so stark ist, dass sie rational nicht mehr zugänglich sind.”
Offensichtlich trifft dieser Begriff auf den Killerspiel-Wahn zu. Meta-Analysen haben klar gezeigt, dass Mediengewalt aller Art nicht zu realer Gewalt führt. Auch Pornos haben keine negativen Effekte, im Gegenteil:
“Nach der bisherigen Wirkungsforschung ist festzustellen: Eine Negativwirkung der Pornographie existiert nicht, aber Unterdrückung sexueller Lust führt zu gesteigerter Aggressionsbereitschaft. Pornographie führt definitiv nicht zu Vergewaltigungen. Man muß davon ausgehen, daß es keinerlei negative Wirkung auf Jugendliche gibt.”
Medien haben keine direkten Auswirkungen auf reales Verhalten. Insofern können wir feststellen, dass dogmatische Killerspiel-Gegner einem gefährlichen Wahn unterliegen, der die Presse-, Kunst-, und Meinungsfreiheit gefährdet, und darum von ihrer politischen Verantwortung baldmöglichst befreit werden sollten.









Stefan
3. Mai 2009 at 06:28
“Medien haben keine Auswirkungen auf reales Verhalten.”
Der Rest des Beitrags mag stimmig sein, aber dieser Satz nicht. Medien wie das Fernsehen haben durch virtuelle Vorbilder durchaus einen Einfluss auf Meinungen und Vorlieben. Diese wiederum beeinflussen das Verhalten. Ich würde es so ausdrücken, dass in Medien gesehenes Verhalten sich nicht 1:1 auf die Realität überträgt.
derautor
3. Mai 2009 at 11:11
Wie diese Vorbilder selektiert werden, ist aber subjektiv unterschiedlich. Und wenn sich jemand Superman zum Vorbild nimmt, springt er darum nicht aus dem Fenster und fliegt los.
Im Prinzip ist die Medienwirkung so, wie sie für uns selbst zu sein scheint. Das Problem liegt darin, dass wir dazu neigen, anderen Menschen zu unterstellen, weniger helle zu sein und das Fernsehen einfach nachzuahmen. Dabei wissen wir genau, dass wir die Casting-Shows auch abschalten können und dass uns niemand dazu zwingt, Germany’s Next Top Model zu werden.
Stefan
3. Mai 2009 at 18:23
Ich sagte doch bereits, dass sich diese Dinge NICHT 1:1 übertragen. Aber Vorbildfunktionen gibt es eben. Als Kind wollte ich immer wie Mr. Spock sein. :p
Doch selbst wenn der Anblick des Big Brother Logos einen dazu bringt, genervt abzuschalten, ist das eine Beeinflussung.
Und dann gibt es natürlich noch jene Menschen, die bloß den Schatten eines Egoshooters sehen und gleich lautstark ein Killerspieleverbot verlangen.
Medien beeinflussen durchaus reale Verhaltensweisen. Nur nicht so, wie manche das denken.
derautor
3. Mai 2009 at 18:38
Dass du wie Spock sein wolltest, geht aber von dir selbst aus. Als Kind wollte ich ein superintelligenter Velociraptor sein. Das hat schon irgendwie damit zu tun, dass ich Jurassic Park gesehen habe, aber offenbar will ja nicht jeder, der das sieht, ein superintelligenter Velociraptor sein.
Wir sind uns ja gar nicht uneinig, ich möchte nur etwas weiter präzisieren.
Stefan
3. Mai 2009 at 19:18
Dann ist ja doch alles klar.
Robinson
4. Mai 2009 at 12:52
Nun, wie sagte mein Medienprofessor einst so trefflich: “Wenn ich die Zahlen nur lange genug foltere, dann sagen sie mir auch, was ich hören will.”
Ich bin mit fast allem, was du schreibst, vollkommen einverstanden, aber es gibt sehr viele sehr fundierte psychologische Studien, die genau das Gegenteil belegen (oder zu belegen glauben), als Prof. Ferguson. Hierzu empfehle ich beispielsweise dieses Buch da: http://www.amazon.de/Wer-unseren-Kindern-T%C3%B6ten-beigebracht/dp/3772522254
Killersimulationen werden schon seit Jahrzehnten von der US-Army gezielt dazu benutzt, die natürliche Schiesshemmung der Soldaten wegzutrainieren. Die Hemmung, abzudrücken, war im Zweiten Weltkrieg etwa noch ein echtes strategisches Problem, ist heute aber im Griff. Dass ähnliche Mechanismen auch bei zivilen Waffenträgern zum Zuge kommen könnten und so zur einen oder anderen Tragödie führen würden, liegt da nahe.
Killerspiele tragen ungefähr gleich viel zum menschlichen Fortschritt bei wie Religionen, nämlich gar nichts. Ich kann sehr gut ohne und für Kinder sind sie schon gar nicht gemacht…
ZeroMatter
4. Mai 2009 at 14:07
“Killersimulationen werden schon seit Jahrzehnten von der US-Army gezielt dazu benutzt, die natürliche Schiesshemmung der Soldaten wegzutrainieren.”
Diese Aussage ist ein Paradebeispiel für die Lächerlichkeit dieser Position, weil sie einfach völlig frei erfunden ist. Die Simulationen der Army werden verwendet, um taktisches Verhalten zu trainieren, Hemmungen nehmen sie überhaupt keine, zumindest nach der “unbedeutenden Meinung” der Leute, die Soldaten mit den Geräten ausbilden…
“Killerspiele tragen ungefähr gleich viel zum menschlichen Fortschritt bei wie Religionen, nämlich gar nichts.”
Nein, Religion behindern den Menschen sogar, Killerspiele nicht.
Man könnte sogar meinen, das Killerspiele die natürliche Aggressivität der Menschen (besonders des Mannes) kanalisiert und sogar dadurch realer Gewalt vorbeugt. Ich bin sicher man könnte hunderte Studien machen, die das belegen…
Robinson
5. Mai 2009 at 06:41
“Man könnte sogar meinen, das Killerspiele die natürliche Aggressivität der Menschen (besonders des Mannes) kanalisiert und sogar dadurch realer Gewalt vorbeugt.”
Hehehe, klingt sehr nach selbstdienlicher Rechtfertigung. Na gut, ich will Dich mal in diesem Glauben lassen.
“Ich bin sicher man könnte hunderte Studien machen, die das belegen…”
Ich bin sicher, da hast Du Recht. Wie ich schon sagte: Man braucht die Zahlen nur lange genug zu foltern. Irgendwann muss man halt auch den gesunden Menschenverstand einschalten, und da wird schnell klar, dass wenn Killerspiele überhaupt etwas bewirken, dann definitiv nichts Gutes.
Aber wir nähern uns hier einer ideologischen Glaubensdebatte, die eher den Religiösen Fanatikern ansteht, als Humanisten. Ich will Killerspiele auch nicht verbieten, die sind mir doch eigentlich egal.
Ist wie beim Kiffen: Es ist sonnenklar, dass es eine Einstiegsdroge ist, da kann man noch so häufig das Gegenteil behaupten. Ist aber auch sonnenklar, dass nur eine Minderheit der Kiffer ernsthaften Schaden nimmt oder auf härtere Drogen umsteigt. Was diese Minderheit mit ihrem Leben anstellen will, liegt aber in deren Ermessen. Da muss man nicht immer gleich alles vorsorglich verbieten. Verbieten muss man das, was Dritten schadet.
derautor
5. Mai 2009 at 11:30
Der Killerspiel-Wahn erinnert mich an die Verschwörungstheorien um 9/11. Beide schwer zu entwirren, beide falsch, beide dienen der Dämonisierung bestimmter Gruppen.
Christoph Wagner
2. Dezember 2009 at 21:48
2006: http://bit.ly/heise_killerspiele “Was wir aber wissen, ist, dass das Spielen solcher Spiele zur Abstumpfung gegenüber realer Gewalt in der mitmenschlichen Umgebung führt und dass die eigene Gewaltbereitschaft zunimmt”, sagt hingegen der Hirnforscher Manfred Spitzer in einem Interview der Zeitschrift Psychologie heute.
sowie
2009: http://bit.ly/PH_Interview
“Es gibt inzwischen eine Reihe von Langzeitstudien aus den Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland, die eine Zunahme der Aggressivität durch Computerspiele belegen.”
Ich halte das auch für eher unsinnig, aber die Behauptung das keine Studien dieser Meinung sind, scheint mir in diesem Zusammenhang doch übertrieben.
derautor
3. Dezember 2009 at 01:02
Manfred Spitzer führt einen Privatfeldzug gegen “Killerspiele”. Unfassbarer Quatsch, was er zu diesem Thema äußert. Solche Langzeitstudien existieren nicht außerdem nicht, besser formuliert wäre: “Es gibt Studien, von denen einige Ideologen behaupten, sie würden zeigen, dass die Aggressivität durch Computerspiele über längere Zeiträume gesteigert wird.”
In der Pupertät sind die Kids aggressiver als vorher und das schieben sie den Spielen in die Schuhe. So in dieser Richtung funktioniert das, wenn man Wissenschaftler gut genug für die erwünschten Ergebnisse bezahlt.
Ich muss mal wieder etwas über das Thema schreiben, wenn ich endlich wieder Zeit habe, und einen näheren Blick auf diese Studien werfen. Die, die mir bekannt sind (und das sind viele) zeigen allenfalls Korrelationen auf, die auf bizarre Art und Weise gedeutet werden.
Stefan
3. Dezember 2009 at 05:15
“Aggressivität durch Computerspiele”
Ich denke, da wird wieder Kausalität mir Korrelation verwechselt.
Aggressivität gab es in der Geschichte der Menschheit immer.
Nur war noch nie zuvor der Lebensraum für Individuen der Spezies derart eingeschränkt wie heute. Noch vor 30 Jahren konnte die Welt als weitestgehend leer betrachtet werden und Menschen hatten die Chance, ihre Aggressionen auf andere Art abzubauen, zum Beispiel durch harte Arbeit oder Gewalt an anderen Spezies.
Dass mit fortschreitender Zeit auch die Technik und die Zunahme der Bevölkerungsdichte fortschreitet führt meiner Ansicht nach unter anderem zu
a) höherer Aggression und
b) der Existenz von gewalthaltigen Computerspielen.
Dass Menschen versuchen, so lange wie möglich erstere an letzteren abzubauen ist sogar noch lobenswert. Nur reicht das für einige wenige nicht.
Wenn man sich mal sämtliche Schulamoklauffälle genauer ansieht, dann gibt es außer der Nutzung von Egoshootern (was bei dem letzten nicht der Fall war) noch andere Faktoren:
Mobbing in der Schule, wenig Freunde sowie Eltern und Lehrer, die sich angesichts der Probleme wegdrehen. Ich selbst kann die Gefühle des Opfers gut verstehen. Allerdings haben meine Eltern dafür gesorgt, dass ich die Schule wechselte, wodurch ich erstmals so etwas wie ein soziales Leben beginnen konnte.