Ursprung und kriminelles Potenzial der Religion

Gebt uns Osama oder wir schicken eure Frauen ins College!

An die Taliban: Gebt uns Osama oder wir schicken eure Frauen ins College!

Das Institut für Kriminologische Sozialforschung in Hamburg hat ein Wiki über die Neuen Atheisten aufgemacht, wo sie unsere wissenschaftlichen Ansätze für die kriminologische Forschung auswerten. Offenbar durchaus mit Gewinn…

Zunächst fällt auf, dass gut recherchiert wurde, um dieses Wiki zu erstellen. Die genannten Fakten über die Neuen Atheisten sind alle richig, was schon bemerkenswert ist, da so etwas noch nie vorkam, seit ich das Thema begleite. Zumindest Journalisten bringen Begriffe, Organisationen, Personen und Positionen meist ordentlich durcheinander. Inzwischen ist mir das recht egal, insofern es keine allzu große Verzerrung ist. Wenn sie die Neuen Atheisten lieber „Brights“ nennen wollen, bitte.

Trotzdem eine nette Abwechslung, dass die Fakten auch mal stimmen. Sehr schön zudem, dass sie sich auf meinen Kommentar Dawkins hat recht als verlässliche Quelle beziehen.

Am interessantesten finde ich das Fazit, die

Kriminologische Relevanz:

„Unbestritten besitzt der Mensch seit Urzeiten einen starken Hang zum Glauben an höhere Mächte. Das spricht dafür, Gottesglauben als Instrument des sozialen Zusammenhalts und damit als Überlebensvorteil für den Menschen im Laufe der Evolution zu verstehen (Norenzayan, Shariff 2008). Unbestritten besitzt der Glaube an höhere Mächte andererseits das Potential zur Verschärfung von Konflikten und zur Entgrenzung der Gewalt. Es ist das Verdienst des Neuen Atheismus, die Aufmerksamkeit auf diese gleichsam kriminogenen Aspekte von Religion zu lenken und damit für die „Religionskriminalität“ in allen ihren Spielarten zu sensibilisieren.“

Sind wir von Natur aus religiös?

So unbestritten sind die ersten beiden Punkte allerdings nicht. Zum Beispiel argumentiert Dr. Thomas Junker im „Darwin Code“, dass die Religion, wie wir sie heute kennen, erst mit der Landwirtschaft vor 10 000 Jahren entstanden ist (siehe dazu auch Pascal Boyers Aufsatz über Höhlenmalerei). Vorher gab es den Glauben an Magie, aber keine Religion. Auch bin ich nicht der Meinung, dass Gottesglauben den sozialen Zusammenhalt fördert – andernfalls müssten sich religiöse Menschen ihren Gemeindemitgliedern gegenüber besonders sozial verhalten, was sie aber nicht tun (siehe „Das Ende des Bösen“ von Rolf Degen). Ein Überlebensvorteil war die Religion gewiss ebensowenig (zu dem Thema empfehle ich Dr. Edgar Dahls Artikel Fruchtloser Glaube bei darwin-jahr.de). Höchstens in dem Sinne, dass man nicht gekillt wurde, wenn man der jeweils „richtigen“ Religion angehörte… Was ich dagegen ebenso denke  ist, dass wir von Natur aus zur Religiosität in der Lage sind. Allerdings ist der Gottesglaube Produkt einer Überreizung einiger unserer psychologischen Anlagen (siehe hierzu Warum wir an Götter glauben von Dr. Andy Thomson) und stellt selbst keinen adaptiven Vorteil dar.

Ich würde sogar sagen, dass wir von Natur aus nicht religiös sind (wenn auch dazu fähig). Religion ist eine unglaubliche Verschwendung von Zeit und Energie, ein, wie Richard Dawkins schon richtig bemerkt, Gedankenvirus. Würden die Menschen von Göttern keine reelle Gegenleistung erwarten, dann würden sie diese auch nicht verehren. Im Prinzip ist Religion eine mit Gewalt durchgesetzte Form von Spinnerei. Zwar können wir Menschen von Natur aus spinnen, wir müssen aber nicht und es ist auch nicht der Normalfall (man sollte keine aktuellen statistischen Werte, laut der die meisten Menschen heute religiös sind, einfach auf die Vergangenheit übertragen!). Wir sind im Gegenteil darauf gepolt, die Natur so zu erkennen, wie sie ist. Tun wir das nicht, führt das zu einer letztlich gefährlichen Fehlanpassung. Zum Beispiel könnten wir an einen unsichtbaren Geister-Apfelbaum glauben und täglich von ihm essen. Wer das tut, wird bald gesundheitliche Probleme bekommen. Die besser an die Umwelt angepassten Individuen sind offensichtlich diejenigen, die von real existierenden Apfelbäumen essen und nicht von eingebildeten.

Kriminelle Religiosität

Dem nächsten Satz stimme ich dagegen voll zu: „Unbestritten besitzt der Glaube an höhere Mächte andererseits das Potential zur Verschärfung von Konflikten und zur Entgrenzung der Gewalt.“ Religion ist eine ungemein bequeme Methode, um Verbrechen zu rechtfertigen. „Gott will es“, heißt es dann einfach, oder „Gott mit uns“, wie man es auf den Gürtelschnallen der Nazis lesen konnte. Eigentlich ging es um einen gewaltigen Raubzug gegen die Juden, wie Götz Aly in „Hitlers Volksstaat“ ausführt, aber wenn man sich dabei in Gottes Mission sieht, fühlt sich ein Raubzug doch gleich viel besser an.

Ich würde allerdings mit Sam Harris ergänzen, dass Religion Konflikte nicht nur verschärft und sie ausarten lässt, sondern dass Religion der tatsächliche Auslöser von Gewalttaten sein kann. Es gab keinen anderen Grund für die Inquisitoren, angebliche und tatsächliche Ketzer in ihren Folterkellern zu bearbeiten, als ihren Glauben, dass sie deren Seele retten müssten. Wäre es ihnen nur um Raub gegangen, hätten sie die Ketzer einfach töten können. Haben sie aber nicht. Sie haben sie gefoltert, um sie zur Akzeptanz des christlichen Glaubens zu bringen.

Ebenso sehe ich keinerlei weltlichen Sinn in den absurden Gesetzen, welche die Taliban in Afghanistan eingeführt hatten. Die habe ich in einem älteren Artikel schon einmal kommentiert:

„Darunter finden sich Absonderlichkeiten wie das Verbot des Drachensteigenlassens, das Verbot des Züchtens von Vögeln und das Verbot, Lebewesen zu zeichnen. Außerdem haben sie alle Plätze umbenannt, in denen das Wort „Frau“ vorkommt, etwa „Frauengarten“ in „Frühlingsgarten“.

Wenn sich die Taliban nicht gerade mit vergleichsweise harmlosem Irrsinn befasst haben, gefielen sie sich darin, mutmaßlichen Verbrechern die Gliedmaßen zu amputieren, Männer zu verprügeln, deren Bärte zu kurz waren und öffentlich Frauen zu steinigen, weil diese vergewaltigt wurden (Ehebruch…). [...]

„Nichtmuslime mussten ein gelbes Abzeichen auf der Kleidung tragen“, heißt es ferner.“

Diese Gesetze sind einfach verrückt, das Ergebnis eines bizarren Glaubens. Dies wird besonders deutlich, wenn man sie mit den Gesetzen in stalinistischen Systemen vergleicht. Diese waren zwar auch repressiv und gnadenlos, aber sie waren nicht auf eine solche Art und Weise absurd, sondern sie erfüllten im totalitären Kontext schon einen gewissen Sinn. Stalin führte zum Beispiel Todeslisten, auf denen nicht nur politische Gegner verzeichnet waren, sondern auch zufällig ausgewählte Bürger. Um die Menschen in Furcht und Kontrolle zu halten, sind zufällige Morde ein nachvollziehbares (wenn auch kaum zustimmungsfähiges) Mittel. Aber Vogelzucht und Drachensteigen verbieten lassen, sowie Plätze mit „Frau“ darin umzubenennen? Frauen zu steinigen, weil sie vergewaltigt wurden? Das lässt sich ohne Religion einfach nicht erklären.

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Ein Kommentar Einen Kommentar hinterlassen

  1. „Sind wir von Natur aus religiös?“

    Wohl kaum. Heute auf openBC das selbe Thema diskutiert. Der Mensch ist neugierig und sucht zu verstehen und einzuordnen und zu erkennen. Daraus eine Gläubigkeit und eine religiöse Neigung zu konstruieren, halte ich für verfehlt.

    Der Mensch kann mit seinen Sinnen die Umwelt wahrnehmen. Er nimmt wahr und reagiert. Er vermeint etwas zu erkennen. Er versucht diese Erkenntnis immer wieder sich selbst zu bestätigen. Und von anderen bestätigen zu lassen. Ist das Ergebnis der Überlegungen also reproduzierbar mit dem Wissenstand, dann ist das Wissenschaft, ist es das nicht, aber ich will das es so ist, ist es Glauben.

    Fängt schon bei den Kindern an: Lassen immer wieder Sachen runterplumpsen. Warum? Keine Ahnung, aber ich vermute, daß sie die Erdanziehungskraft entdeckt haben und ausprobieren, ob dem immer so ist und gucken wollen, ob nur sie das wahrnehmen, oder andere auch.

    Religös von Geburt an… am besten schon ab Zeugung? Na danke.


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