
Auch auf die Gefahr hin, dass dieser Beitrag in Punkto politischer Korrektheit zu wünschen übrig lässt: Wir sollten, im Gegensatz zu dem, was das Magazin P.M. in seiner aktuellen Ausgabe vorschlägt, keineswegs auf Naturvölker hören, um die großen Probleme unserer Zeit zu lösen.
Zunächst einmal haben Naturvölker keine Ahnung. Die meisten von ihnen (die sich nicht in die westliche Gesellschaft eingegliedert haben) können noch nicht einmal bis zehn zählen, geschweige denn schreiben, und da erwarten die Menschen “geheime Botschaften” und “uraltes Wissen”, welche die immens komplizierten Probleme unserer Zeit und Gesellschaft lösen sollen, die unsere besten Denker überfordern. Natürlich brauchen Naturvölker auch nicht bis zehn zählen und schreiben zu können und vielleicht beneidet sie der eine oder andere P.M.-Redakteur dafür. Ihr Lebensstil erfordert diese Fähigkeiten einfach nicht, stattdessen müssen sie Praktiken wie Spurenlesen und Jagen beherrschen, von denen wir dafür keine Ahnung haben.
Es bringt aber nichts, sich etwas anderes einzureden. Alleine durch mündliche Weitergabe von Informationen gelangt man einfach nicht zu herausragenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Naturvölker kennen nicht einmal die Geschichte ihres eigenen Stammes, weil sie über die Generationen hinweg grob verzerrt wird (man kennt das von der Flüsterpost). Und da sollen sie wissen, was in Punkto Globalisierung und Wirtschaftskrise zu tun ist?
Laut P.M. schon. Aber die Leute hören ja auch auf den “Gottkönig” Dalai Lama (Gott und auch noch König!), also sind sie offenbar zu allem fähig. “Unsere Aufgabe ist es, die Erde zu schützen”, “Euer Weg wird die Erde zerstören”, etc. werden Vertreter der Naturvölker zitiert. Wer Jared Diamonds Bücher gelesen hat, wird davon gehört haben, dass gerade Naturvölker sagenhafte Umweltzerstörer waren. In Nordamerika rotteten sie zahlreiche große Säugetierarten aus, in Neuginea mussten riesige Raubvögel dran glauben. Tiere, wie man sie nur aus Jules Vernes “Die geheimnisvolle Insel” kennt, bevölkerten einst diesen Planeten, bis Naturvölker in ihre Lebensräume eindrangen und sie, ohne einen Gedanken an Nachhaltigkeit zu verschwenden, einfach töteten. Tatsächlich ist die moderne Zivilisation eine notwendige Voraussetzung für den Umweltschutz!
Wie es aussieht, übernehmen heute viele Naturvölker einfach das Klischeebild des edlen Wilden vom “Weißen Mann”, im Glauben, ihre Traditionen zu bewahren. Bekanntlich bin ich kein großer Freund sinnloser Traditionsbewahrung und es ist mir völlig egal, ob sie von Naturvölkern oder von der CSU bewahrt werden. Warum um alles in der Welt sollte man überkommene Traditionen bewahren? Ja, wozu überhaupt “kulturelle Identität”? Was ist der Unterschied zwischen “kultureller Identität” und Ideen wie der “Volksgemeinschaft”? Wichtig ist vielmehr persönliche Freiheit, individuelle Entwicklung, Solidarität über Sippengrenzen hinweg, Akzeptanz der realen Gegebenheiten (zum eigenen Vorteil!) und nicht ein solcher Tribalismus. Warum nennt man Menschen, die so denken, in unserer Kultur “Ewig Gestrige”, “Betonköpfe”, “Reaktionäre” und wenn sie in einem Naturvolk überkommene, abergläubische Praktiken wie den Schamanismus pflegen, dann sind sie “weise” und man spricht vom “Wissen ihrer Ahnen”!?
“Wie viel fehlt uns, wenn wir nichts über die Existenz unsichtbarer Dinge wissen?”, fragt etwa Nani, eine “hawaiianische Älteste”. Tja, als Naturalist fehlt mir da gerade mal gar nichts, im Gegenteil halte ich es für kindisch und geradezu bescheuert, an Übernatürliches und an “unsichtbare Dinge” zu glauben, wenn in der 200000-jährigen Menschheitsgeschichte kein einziger Beweis für deren Existenz aufgetaucht ist! Einige Naturvölker finden das vielleicht amüsant, aber warum man als Genießer eines teuren Bildungssystem auf deren “Älteste” hören sollte, das fragt man sich ja schon!
Der Pygmäen-Häuptling Kapupu beklagt sich über den Tourismus des Weißen Mannes: “Sie kommen und glotzen uns an, als wären wir Affen.” Natürlich könnten die Pygmäen den Touristen einfach untersagen, ihre Heimat zu betreten. Tun sie aber nicht, denn wie schon die Rothenburger festgestellt haben, bringt Tourismus viel Geld und einen guten Ruf. Dass dies indigenen Ewig-Gestrigen nicht gefällt, mag wohl sein.
Was passt den Naturvölkern nun nicht an der Lage des Planeten? Ganz einfach: Die Bedrohung des universellen “Spirits”. P.M. schreibt dazu: “Man kann ihn nicht sehen, man kann ihn nicht messen, man kann ihn nicht nachweisen. Aber viele können ihn spüren”. Der “Spirit” teilt diese Eigenschaften mit dem Heiligen Geist, mit dem Osterhasen, mit dem Weihnachtsmann, mit der bösen Hexe aus dem Norden und mit vielen anderen übernatürlichen Wesen und Phänomenen, die nicht existieren. Warum sollte es uns also kümmern, wenn sich der Weltgeist in seinen religiösen Befindlichkeiten gestört fühlt?
“Die Einheit der Schöpfung zu bewahren ist das Ziel der indigenen Völker”, liest man weiter. Das ist auch das Ziel der CSU und der bayerischen Grünen vom letzten Wahlkampf. Das Problem fängt schon damit an, dass Schöpfer und somit Schöpfung gar nicht existieren. Wenn man Natur- und Umweltschutz betreiben will, dann doch bitte auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Beschaffenheit derselben und nicht auf Basis vager, mystischer Vorstellungen.
Das Leben sei “Teil eines größeren Plans”, lässt uns Standing Bear, Häuptling der Oglala wissen. Die Idee kennen wir doch: Von den Bischöfen Mixa, Meisner und co., die ebenfalls an einen Heilsplan glauben, allerdings mit dem Unterschied, dass wir solche Gestalten im Gegensatz zu Naturvölkern immer weniger ernstnehmen. “Die Menschen seien nicht das Endprodukt der Evolution, sie seien ein Teil dieser Natur”, wird Bill Neidjie, ein australischer Ureinwohner, zitiert. Auch das haben wir schon einmal gehört: Von amerikanischen Kreationisten, die ebenfalls ihren Schöpfungsmythos der Realität vorziehen.
“Seid gut zueinander”, sagt Medizinmann Eddie Box. Wow, ehrlich? Wir sollen gut zueinander sein und nicht etwa schlecht? Da bin ich die ganze Zeit einem Missverständnis aufgesessen… Beim heiligen Spirit, noch so eine Dalai-Lama-Plattitüde, und ich verschlinge meine Tastatur!
“Unsere Arbeitsethik beruht darauf, unser Bestes zu geben”, sagt Patrick Ka’ano’i, hawaiianischer Schriftsteller.
Mampf, mampf, mampf!









LinuxBug
21. April 2009 at 16:16
»“Die Menschen seien nicht das Endprodukt der Evolution, sie seien ein Teil dieser Natur”, wird Bill Neidjie, ein australischer Ureinwohner, zitiert. Auch das haben wir schon einmal gehört: Von amerikanischen Kreationisten, die ebenfalls ihren Schöpfungsmythos der Realität vorziehen.«
Wir sind nicht das “Endprodukt” der Evolution, aber das ist jetzt nur Wortklauberei (Wir sind am derzeitigen Ende, aber selbst dann könnte die Formulierung implizieren, dass wir von der Evolution beabsichtigt worden wären oder so…), aber ob er das so gemeint hat, kA, glaub’s fast net. Fand’s jetzt nur komisch, dass Kreationisten so etwas gscheites sagen würden. (Wenn man’s anders betont, okay, weiß ich ja nicht.)
derautor
21. April 2009 at 21:51
Hast recht, ein solcher Satz könnte auch intelligent gemeint sein. Wir sind nicht die Krone der Evolution, sondern Tiere und wir entwickeln uns weiter. Es kam mir bei der Lektüre des Artikels aber nicht so vor, als hätte er das so gemeint.
Stefan
10. Mai 2009 at 12:31
Endlich mal einer, der das ausspricht, was mir so alles auf den Magen schlägt, wenn ich im Fernsehen sehe, wie nach Cargo geifernde, Urwald brandrodende und in Sperrmüllhütten wohnende “Naturvölker” als weise bezeichnet werden.
Und dann, anstatt ihnen die Möglichkeit zu geben, an der internationalen Politik und Wirtschaft teilzunehmen, kauft man ihnen ein paar CO2-Emissionsraten ab und schickt Care-Pakete, während man sie und den Rest der Welt in dem Glauben lässt, dass das spirituelle Geschwafel irgend etwas zu bedeuten hätte.
derautor
10. Mai 2009 at 12:51
Ich sage ja nicht, dass man sie nicht als Menschen mit berechtigten Interessen ernstnehmen sollte. Ich sage, dass sie, insofern sie noch wie Naturvölker leben, in der Regel keine Ahnung von den Problemen unserer Zeit und von wissenschaftlichen Erkenntnissen haben. Eigentlich offensichtlich.
Stefan
10. Mai 2009 at 12:59
Ich sagte ja nicht, dass du das sagtest. Nur ernst nehmen bedeutet eben nicht, dass man sie mehr schlecht als recht durchfüttert, kirchliche Missionen finanziert und .
Jemanden ernst zu nehmen würde bedeuten, ihm zuzutrauen dass er in der Lage ist, zu lernen.
Jemanden zu respektieren bedeutet auch, ihn nicht in Unwissenheit auf den eigenen Fehlern sitzen zu lassen.
Solche Völkerstämme und die Kultur von präindustriellen Drittweltländern als weise, klug oder sonst irgendwie besser darzustelle, ist bestenfalls Ironie.
H. Lektor
10. Mai 2009 at 18:37
Sie müssen dabei bloß achtgeben, daß die Aufklärung über die besagten Fehler nicht auf die falsche Art, mit der wir Westler leidergottes die größte Erfahrung haben (sodaß mir gerade keine nichtinakzeptable Episode der Geschichte des Werte-Exports einfällt), zu tätigen. War der Satz grammatisch verstehbar???
H. Lektor
10. Mai 2009 at 18:39
Sehr geehrter Herr Müller,
wer das Wort “Mystik” oder “mystisch” benutzt, sollte dies aufgrund solider geistesgeschuichtlicher Kenntnisse und nicht aufgrund vager allgemeinlexikalischer (oder noch schlimmer: duden Etymologie) Vorstellungen tun