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Kinder foltern für den lieben Gott

15 Apr

Es war halt eine andere Zeit, sagen sie. Eine Zeit, in der man noch Kinder foltern und missbrauchen durfte? Liest man die Artikel, die auf der Website des Vereins ehemaliger Heimkinder e. V. verlinkt sind und liest man die Erfahrungsberichte der Betroffenen, so kann man sich den nächtlichen Horrorfilm ersparen.

Die Vergehen an deutschen Heimkindern der 50er/60er und 70er Jahre aufzuzählen, ist schwieriger, als die Verbrechen zu nennen, die nicht an ihnen begangen wurde. Nonnen und andere unausgebildete Erzieher haben die Hände der Kinder absichtlich an heißen Herdplatten verbrannt, sie wurden täglich geschlagen, sie haben ihr Erbrochenes essen und ihren Urin trinken müssen, sie wurden sexuell missbraucht, sie wurden in Einzelzellen und dunkle Keller gesperrt, sie mussten Tag und Nacht Zwangsarbeiten verrichten und sie wurden noch nicht einmal dafür bezahlt. Ihre Erfahrungsberichte lesen sich, als stammten sie von Opfern der spanischen Inquisition.

Geschehen ist das alles in Deutschland. Nur einige der Betroffenen melden sich heute zu Wort und verlangen Aufklärung und Entschädigung. Die Dunkelziffer muss unvorstellbar hoch sein. Die noch lebenden Verantwortlichen haben trotz alledem keine Strafe zu befürchten und Entschädigungen wird wohl keiner zahlen müssen. Warum? Weil die Kirchen das nicht möchten.

Am Schlimmsten sind die Reaktionen der ehemaligen Erzieher. So sagt einer von ihnen im Gespräch mit der FAZ: „Wir dachten, wir retten diese Kinder, ermöglichen ihnen ein Aufwachsen ohne den schwierigen Einfluss der Eltern, unabhängig auch von der Entwicklung des Bruders beispielsweise im Falle Bahrs. Wir dachten, sie hatten ein schönes Leben, schöner, als manche von uns aufgewachsen waren.”

Klar, rund um einen herum werden Kinder missbraucht und man sieht das nicht. Der heutige Leiter des Stapf-Kinderheimes sagt folgendes zum Thema: “Man muss das sehr ernst nehmen, die schlechten Erlebnisse wie die guten, von denen in Leserbriefen in Ihrer Zeitung auch die Rede war. Das alles liegt 50 Jahre zurück und es geht sicher nicht darum, heute Rechenschaft von uns zu verlangen. Dass die Menschen ihre Zeit im Heim ganz unterschiedlich wahrgenommen haben, ist ganz normal.”

Es gab ja auch gute Erlebnisse in den kirchlichen Folterheimen. Und es liegt ja auch schon 50 Jahre zurück. Und von uns kann doch keiner Rechenschaft verlangen. Und es ist sowieso nur eine Frage der subjektiven Wahrnehmung. Ob einige Kinder wohl drauf stehen, ihre eigene Kotze zu fressen, wie es laut den Nürnberger Nachrichten im Stapf-Heim praktiziert wurde?

“Im Schlafsaal wachte eine Aufpasserin darüber, dass die Mädchen ihre Hände über der Bettdecke hielten – wohl aus Sorge vor ‘unzüchtigem Treiben’ “, heißt es bei der SZ. Eine schöne Illustration des gestörten Verhältnisses zur Sexualität, mit dem das Christentum gesegnet ist. Die Mädchen durften sich nicht einmal umarmen, sich nicht einmal die Hände reichen.

Und was nun? Familienministerin Ursula von der Leyen ist es nicht gelungen, eine Diskussion über mögliche Entschädigungen zu verhindern, obwohl sie es versucht hat. Ein runder Tisch wurde eingerichtet, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. Die Kirchen schleppen ihre Anwälte mit, um sich gegen Schadensersatzansprüche wehren zu können (die Kohle ist den Kirchen nämlich heilig. Philosophische Religionskritik ist denen egal, aber wehe, jemand will ihnen ans Sparschwein!), doch den ehemaligen Heimkindern wird dies verweigert:

“Der Verhandlungsführer des VEH, Werner Molter, der in Berlin anwesend ist, meint dazu: ‘Die Leitung des Runden Tisches verweigert den von uns beauftragten Juristen den Zugang zum Runden Tisch. Hierdurch werden wir gegenüber den anderen Organisationen, die insgesamt sechs Juristen entsandt haben und zudem über große Mitarbeiterstäbe verfügen, von Frau Vollmer klar benachteiligt.’

Die Mitarbeiterin des Pförtnerdiensts erklärt: ‘Auf der aktuellen Liste sind ihre Namen nicht verzeichnet.’ Und setzt dann ergänzend hinzu: ‘Die Bundespolizei wird jeden Zutrittsversuch verhindern.’ Das war es. Keine Erläuterungen, keine weiteren Erklärungen.

Am Nachmittag kommt dann in einer Sitzungspause die Mitteilung, dass der Runde Tisch jegliche Beteiligung von externen Rechtsanwälten ablehnt und exklusiv entscheidet, wer an den Beratungen teilnehmen wird und darf. Bei Bedarf wird der Runde Tisch entscheiden, ob und wofür juristischer Beistand notwendig ist.”

Gut durchgekaut und ausgespuckt. Gerechtigkeit wird es für die ehemaligen Heimkinder nicht geben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 
1 Comment

Geschrieben von - 15. April 2009 in Geschichte, Politik, Religionskritik

 

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Eine Antwort zu Kinder foltern für den lieben Gott

  1. Hermine Schneider

    2. März 2010 at 10:56

    Enthoben von der Seite
    http://www.exheim.de/feedback.htm

    Hallo Hans Bert, wir sind zusammen zur Grundschule gegangen. In der 2. Klasse, da waren wir sieben Jahre alt, hat der Pfarrer Ruppertzhoven Anton 86-11, n. r. Domkaplan., GR, EDech., in Wegberg / Dalheim-Rödgen verstorben 1967, dich dermaßen zusammengeschlagen, dass es für mich noch bis heute einen Schock hinterlassen hat. Ich kannte auch Schläge, aber soviel Brutalität habe ich noch nie gesehen. Es wurden nur die Kinder aus dem Kinderdorf so misshandelt. Ein Mädchen in der Schule mit dem Namen Alice machte sich dabei vor Angst immer in die Strumpfhose.

    Ich bin jetzt Polizeibeamter und werde Dir beistehen. Das Unrecht muss aufgearbeitet werden.

     
 
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