Und es tut mir schrecklich leid. Tatsächlich bin ich gewiss nicht schuld an Pro Reli, diese schreckliche Kampagne gegen einen gemeinsamen Ethik-Unterricht in Berlin, deren Erfolg zu einer Spaltung der Gesellschaft und zu einer Rückverdummung der Menschheit beitragen würde. Allerdings trage ich laut Horst Groschopp, dem Präsidenten des HVD, eine Mitverantwortung.
Ich wäre schon ein bisschen stolz darauf, einen derart gewaltigen politischen Einfluss auszuüben, wie der liebe Herr Groschopp das vermutet. Mein tatsächlicher Einfluss auf die heutige Politik dürfte allenfalls so groß sein wie der von Otto Bismarck (nicht dass ich viel gemeinsam hätte mit Bismark). In seinem Artikel Busfahrer, Fußläufige und Überflieger beim Humanistischen Pressedienst argumentiert Horst Groschopp wie folgt:
1. Konfessionslose können nicht mobilisiert werden. “Wohl einer Mehrheit gottlos lebender Konfessionsfreier ist ziemlich Wurst, was da abläuft. [...] Das bedeutet, für das nötige Quorum bei der Volksabstimmung könnte es ziemlich unerheblich sein, wie die Konfessionsfreien stimmen werden, weil sowieso nur wenige von ihnen wahrscheinlich zur Abstimmung gehen.”
2. Darum kommt es auf die liberalen Christen an, die Pro Ethik, die Gegenkampagne zu Pro Reli, unterstützen. “Um zu obsiegen, brauchen sie aber noch unentschiedene, liberale Christen, [...] Christen für Ethik und liberale Christen bilden die entscheidende Gruppe.”
3. Diese liberalen Christen seien jedoch “im Humanistischen Pressedienst genügend beschimpft worden”. Und zwar, zugegeben, von mir (wer sonst käme auf die Idee, liberale Christen zu “beschimpfen”). Weiter sagt er: “Wenn es den Kirchen und den mit ihnen verbundenen Medien [...] gelingt, sozusagen einen atheistischen Keil in dieses Bündnis zu schlagen [...] oder die passiven Christen und Muslime zu verängstigen, werden sich viele von ihnen für Pro Reli entscheiden aus Angst, die Leute um den HVD würden atheistische Ethik und nicht ‚Ethik und Religion‘ wollen.”
4. “Was der HVD heute sagt und unternimmt, hat der Glaubwürdigkeit wegen vor und nach der Volksabstimmung, egal welchen Ausgang sie nimmt, und über Berlin hinaus zu gelten.”
Der Moderate-Christen-Beleidiger
Sam Harris hat in seinem hier verlinkten Vortrag festgestellt, dass die rechten Medien große Fans von ihm sind, weil er den Islam kritisiert, aber dass sie ihn empört ablehnen, weil er das Christentum ebenso kritisiert. Bei linken Medien ist es genau umgekehrt. Nach dem beurteilt, was Links und Rechts heute so treiben, kann man die Neuen Atheisten nirgendwo richtig einordnen. Früher stand die (demokratische) Linke für Wissenschaft und Aufklärung, heute steht sie viel zu häufig für Kultur-Relativismus und Anti-Amerikanismus. Insofern weiß ich auch nicht, wo ich politisch stehe und wie viel ich in diesem Bereich mit liberalen Christen gemeinsam habe.
Das Problem mit moderaten Christen besteht auf jeden Fall darin, dass die Auslegung heiliger Texte bei ihnen völlig willkürlich und irrational ausfällt, sogar noch willkürlicher und irrationaler als bei Fundamentalisten. Man kann nicht einfach so tun, als hätte Jesus nur zu Liebe und Frieden aufgerufen, wenn er tatsächlich gesagt hat, dass er die rückständigen mosaischen Gesetze radikal durchsetzen will. Das ergibt keinen Sinn! Die Bibel predigt kein Friede, Freude, Eierkuchen. Niemand, der das Ding ernsthaft gelesen hat, kann so etwas behaupten. Problem Nr. 2 lautet, dass sich die Fundamentalisten hinter den Moderaten verstecken können und dass letzte dies viel zu häufig zulassen. Auch moderat Gläubige sind schließlich der Meinung, dass es so etwas wie heilige Bücher und göttliche Wahrheiten gibt. Gibt es aber nicht!
Insofern muss ich feststellen, dass es relevante Meinungsunterschiede zwischen moderat Gläubigen und mir gibt und dass ich diese auch weiterhin öffentlich herausstellen werde.
Konfessionslose können mobilisiert werden
Konfessionslose “missionieren” zwar nicht (na gut, außer mir) und sie sind schwer zu organisieren, aber wenn man es richtig anstellt, dann geht das sehr wohl, wie ihre jüngsten Erfolge zeigen:
1. Die deutsche Buskampagne hat in kürzester Zeit rund 30 000 Euro erzielt, um Atheisten öffentlich sichtbar zu machen. (Was leider von den Verkehrsbetrieben unterbunden wird, aber das ist wohl kaum unsere schuld).
2. In den USA gibt es nun endlich atheistische Lobbyarbeit.
3. Die Blasphemieparagraphen wurden in mehreren Ländern abgeschafft (nicht in Deutschland, versteht sich).
4. Atheisten haben inzwischen eine echte Chance, in die Medien zu kommen und dort ihre Position zu vermitteln.
5. Der Anteil von Atheisten an der Gesamtbevölkerung steigt in Europa und in den USA rapide an.
Ich führe diese Erfolge vor allem auf die wirksamen Kampagnen der Neuen Atheisten zurück. Man muss es nur richtig anpacken und sich Gehör verschaffen, dann werden auch Konfessionslose an Einfluss gewinnen. Und das ist auch der Grund, warum ich nicht denke, dass wir bei 70% Atheisten und Agnostikern in Berlin wirklich auf die Pro-Ethik-Christen angewiesen sind. Selbst wenn, dann halte ich den HVD nicht davon ab, sich bei ihnen einzuschmeicheln. Aber ich tue das nicht. Gerne gehe ich mit meinen christlichen Freunden und Freundinnen mal ein Bierchen trinken, aber das bringt mich nicht dazu, ihren Aberglauben auch nur ein Atom vernünftiger zu finden als vorher (in jenen Urzeiten vor dem Biere).
Horst Groschopp ist ein sehr gewissenhafter und stets um das Wohl der Konfessionsfreien besorgter Mensch und er spielt eine wichtige Rolle bei der Pro-Ethik-Kampagne. Aber bei dieser Interpretation der Geschehnisse hat er wirklich mal in den Abort gegriffen.
Insofern hier der Aufruf eines atheistischen Hardcore-Bloggers:
Unterstützt Pro Ethik! Zeigt ihnen, dass wir die religiöse Trennung unserer Kinder nicht hinnehmen!
Nicht, dass ich etwa Kinder hätte…









Nic
25. Juni 2009 at 07:05
ich habe mir – auf Deinen Hinweis hin – diesen Artikel noch einmal angesehen…
Das können sie sehr wohl – zumindest Teile davon. Und das hat die Abstimmung ja dann auch deutlich genug bewiesen.
Ich stimme Dir zu, dass diese Stimmen eher die Minderheit sind. Einfach deshalb, weil die, die sich als Christ bezeichnen und dann Pro Ethik unterstützten, kaum noch als Christen im Sinne der Offenbarungsreligion zu bezeichnen sind.
Allerdings meine ich auch, dass diese Menschen, die eher Agnostiker als Gläubige sind, sehr wohl in das Boot des HVD genommen werden dürfen und sollten.
Den Humanismus als ein kulturelles Angebot zu begreifen bedeutet auch, anderen dieses Angebot zu machen.
Das ist sicherlich ein fehlerbehaftetes Argument. Denn umgekehrt waren die Kirchen auch nicht gerad sensibel im Umgang mit den Pro-Ethik-Leuten. Und manchmal muss man die grobe Kelle schwingen…
Nun, für den “atheistischen” Keil braucht es offenbar weder Kirchen noch Medien; das erledigen wir ganz allein. Und vermutlich wirkungsvoller und treffsicherer.
Denn kaum ein Atheist lässt sich von den Moralvorstellungen einer Religion beeinflussen (zumindest nicht bewusst) – aber von vernünftig anzuhörenden Argumenten eines anderen Atheisten vermutlich eher.
Kann es sein, dass ihr/wir Euch/uns deshalb so streiten, weil wir die logischen Argumente des Gegenüber recht gut verstehen und davon ausgehen, dass “alles mit rechten Dingen” zugeht. Dass wir daher ein besseres Verständnis füreinander aufbringen und genau deshalb auch besonders gut verletzen können?